Nach dem dramatischen Ende von Sword Catcher lässt Cassandra Clare ihre Leser:innen keine Sekunde zur Ruhe kommen. Ragpicker King Die Chroniken von Castellan setzt unmittelbar nach den blutigen Ereignissen im Palast ein und führt die Geschichte konsequent in dunklere, komplexere Gefilde. Statt klarer Fronten erwartet uns ein Netz aus politischen Intrigen, persönlichen Loyalitäten und Entscheidungen, deren Konsequenzen weit über das Individuum hinausreichen.
Kel, der Schatten des Prinzen, steht mehr denn je im Zentrum innerer wie äußerer Konflikte. Auf der Suche nach den Verantwortlichen für das Massaker bewegt er sich durch Castellanes Unterwelt ein Ort, der von Macht genauso geprägt ist wie von Elend. Dabei führt kein Weg am Lumpensammlerkönig vorbei, jener schillernden und gefährlichen Figur, die scheinbar jedes Geheimnis der Stadt kennt, aber nie mehr preisgibt als unbedingt nötig. Auch wenn seine Auftritte dosiert bleiben, liegt über jeder Szene, in der er erwähnt wird, eine spürbare Spannung.
Lin wiederum muss mit den Folgen einer Lüge leben, die längst ein Eigenleben entwickelt hat. Als angebliche Göttin sieht sie sich Erwartungen gegenüber, die sie kaum erfüllen kann, während sie gleichzeitig versucht, ihre eigene Identität nicht zu verlieren. Ihr innerer Konflikt gehört zu den emotional stärksten Elementen des Romans. Sie ist mutig, entschlossen und verletzlich zugleich eine Figur, die wächst, ohne ihre Zweifel abzulegen.
Conor steht zwischen Pflicht und Gefühl. Politische Verbindungen, eine mögliche Ehe und seine wachsenden Gefühle für Lin bringen ihn in eine Zerrissenheit, die glaubwürdig und schmerzhaft erzählt ist. Besonders gelungen ist, wie sich seine Figur im Vergleich zum ersten Band weiterentwickelt, ohne ihren Humor und ihre Menschlichkeit zu verlieren. Auch Nebenfiguren wie Antonetta gewinnen zunehmend an Bedeutung und Tiefe, was das Figurenensemble noch facettenreicher macht.
Cassandra Clare bleibt ihrem Stil treu: Castellan ist erneut beeindruckend ausgearbeitet. Prunkvolle Paläste, gefährliche Gassen und kulturelle Eigenheiten verschmelzen zu einer Stadt, die lebendig wirkt und deren politische Mechanismen fast greifbar sind. Der Fokus liegt dabei klar auf Gesprächen, Allianzen und subtilen Machtverschiebungen. Action tritt lange in den Hintergrund, was Geduld erfordert doch diese Ruhe ist trügerisch. Das Finale zieht das Tempo spürbar an und entfaltet eine Wucht, die viele vorherige Ereignisse in neuem Licht erscheinen lässt.
Die Stärke des Buches liegt eindeutig in seinen Charakteren und den zwischenmenschlichen Spannungen. Freundschaften, Loyalitäten und verbotene Gefühle entwickeln sich langsam, aber intensiv. Besonders die Beziehung zwischen Kel und Conor sticht hervor und bildet einen emotionalen Anker inmitten politischer Unsicherheit.
Fazit
Ragpicker King ist ein anspruchsvoller, dichter zweiter Band, der weniger auf spektakuläre Action als auf Intrigen, Charakterentwicklung und politische Spannung setzt. Cassandra Clare fordert Aufmerksamkeit und Geduld, belohnt diese jedoch mit einem vielschichtigen Worldbuilding und einem explosiven letzten Drittel. Kein leichtes Buch, aber ein lohnendes vor allem für Leser:innen, die High Fantasy mit Tiefgang und komplexen Figuren schätzen. Ein starker Mittelband, der neugierig macht, wohin die Reise in Castellan noch führen wird.