Das Eintauchen in Fallwickls Gedanken fühlt sich wie nach Hause kommen an. Teil der "Briefe an die kommenden Generationen".
Kleine, unabhängige Verlage sind sooo wichtig. Kjona besteht erst seit November 2021, aber hat schon einige wirklich spannende Bücher herausgebracht. Das wundervolle Design, gedruckt wird dazu im Cradle-to-Cradle-Verfahren, fiel mir erst kürzlich wieder auf der Leipziger Buchmesse ins Augen. Schon dem Start der Reihe "Briefe an die kommenden Generationen" mit "Lieber Jonas oder Der Wunsch nach Selbstbestimmung" von Linus Giese will ich einem Band davon lesen. Nun habe ich endlich mit dem 5. Band "Liebe Jorinde" als Hörbuch geschafft, das bei Argon erschienen ist und ich hier bereits vorgestellt habe. Der Essay/Brief gefiel mir so gut, dass ich die mittlerweile sechs weiteren Bände auch bald nachholen möchte. Das Buch, in dem ich parallel gelesen habe, möchte ich hier auf Lovelybooks nun auch noch vorstellen.Hier nun meine Gedanken zum (Hör)Buch:Ein schmales Bändchen, mit 89 Minuten als Hörbuch hat es quasi nur die Länge eines kurzen Spielfilms - und doch legt Mareike Fallwickl ein gewichtiges Werk vor, das zwischen Essay und Brief hin und her changiert. Briefe finde ich meist eine merkwürdige Form, hier klappt das aber wirklich gut.Jorinde, die Adressatin, ist Regisseurin, für dessen Theaterstück #motherfuckinghod schrieb Fallwickl den Text. Je länger ich Fallwickl Autorinnenlesung lauscht, umso mehr wurde "Jorinde" zu einem kollektiven Gegenüber, bei dem ich mich selbst abgesprochen fühlte. Es fühlt sich an, als würde ich mit Fallwickl ein Gespräch führen, darüber, wie wir zu einer feministischen Welt gelangen, gerade, weil der Backlash durch Trump und die Manosphere immer stärker alles bisher schon erreichte zu zerlegen droht.Viele Gedanken, um die Fallwickl kreist, sind für mich jetzt nicht per se neu. Sie schafft in den Zeilen allerdings so eine gelungene Verdichtung und eine Sogkraft, dass ich das Gefühl hatte, nach Hause zu kommen.Besonders berührt haben mich ihre Gedanken als Mutter eines Sohnes berührt. Die Angst, ihn auf eine Welt loszulassen, die ihm Härte vorlebt, und ihn zum (Mit)Täter machen möchte, weil Männer in dieser Welt das nunmal zu sein haben, oder zumindest nicht zu nett dürfen sie sein, damit sie nicht aussortiert werden in einer Sendung wie "Love is Blind". Und selbst, wenn sie nicht zu Tätern werden, dann schauen sie oft genug weg.Fallwickl erzählt vom Fall Pelicot und dass es Männer gab, die sich weigerten mitzumachen. Aber selbst die alarmierten nicht die Polizei. Und dann erzählt sie von der Naivität und Zuversicht in ihren Schulworkshops von der Frage, ob Frauen lieber mit Bär oder Mann allein sein möchten. Und ein etwa 13jähriger Junge antwortete, dass es doch auch ein netter Mann sein könnte, der aus dem Wald hinaus helfen würde. Und ich wünsche mir so sehr für alle jungen Männer, dass sie sich nicht von den Andrew Tates dieser Welt ihre Freiheit nehmen lassen, denn, wie Fallwickl so auf den Punkt bringt:"Ich glaube nicht an das Vakuum, das Jungs angeblich handlungsunfähig macht. Ich glaube vielmehr daran, dass das Aufbrechen patriarchaler Muster uns allen - Männern, Frauen, nichtbinären und trans Menschen - Luft zum Atmen gibt und die weltbewegende Chance, das Miteinander der Zukunft mit einer neuen Ausrichtung auf Fürsorge, Empathie und Menschlichkeit zu gestalten."Lasst uns diese Freiheit nutzen. Fallwickls Brief gibt viele wertvolle Gedanken dazu. 5 von 5 Sternen.