
Der neue große Roman der Solupp-Autorin Annika Scheffel
Wanda hat genug vom Leben in Heimen und Pflegefamilien. Sie will ihr Schicksal in die Hand nehmen, also reißt sie aus. Ausgerechnet am trubeligsten Ort der Stadt findet sie ein Versteck und verändert von dort aus nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Außenseiter:innen: Sami, der sich wie kein zweiter in der Stadt auskennt und ein Geheimnis mit sich herumträgt, die wundersame Dora, die ihren Garten retten will, die schüchterne Peri, der feine und supernette Hotelportier Jo und die Straßenmusikerin Nino. Gemeinsam begeben sie sich auf eine aufregende Suche, die die ganze Stadt in Atem hält. Dabei erkennt Wanda, dass sie nicht nur ein Teil dieser Welt ist, sondern auch dazu gehören will. Aber auf ihre ganz eigene Art.
Besondere Ausstattung mit farbigem Buchschnitt
Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2026 in der Sparte Kinderbuch
Besprechung vom 23.02.2026
Berlin sucht eine Bärin
Annika Scheffel verzaubert das Regierungsviertel
Es war einmal eine Bärin in Berlin. Gemütlich tapste sie durch das Regierungsviertel, unsichtbar für die Menschen um sie herum. Dabei war die Stadt ihretwegen in heller Aufregung. Trotzdem nahm sie niemand wahr. Vielleicht, überlegte die Bärin bei ihrem Streifzug durch die Innenstadt, weil niemand so recht an sie glaubte.
Zur gleichen Zeit bricht ein paar Kilometer entfernt noch jemand aus. Wanda ist dreizehn Jahre alt und Waise. Sie flieht davor, wieder ins Heim abgeschoben zu werden, flieht aus einer Familie, die sie gerade eintauschen wollte gegen ein jüngeres Pflegekind. Eines Nachts nimmt Wanda den Bus zum großen Tor in der Stadtmitte. Eine Minerva zwinkert ihr geheimnisvoll zu und deutet auf das Torhaus. Und schon hat Wanda ein Versteck. Ganz in der Nähe der Bärin.
Berlin erscheint ungewohnt zauberhaft in Annika Scheffels neuem Jugendbuch "Wanda". Dass ihr das gelingt, liegt in großen Teilen an ihrer Protagonistin. Wanda kennt alle Waisengeschichten und Märchen längst und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich eine Familie zu finden, mit der auch sie glücklich bis ans Ende aller Tage - oder zumindest eine ganze Weile - leben kann.
So scheint sie besonders empfänglich für alles Märchenhafte: das silbrige Mondlicht auf dem Holzboden ihres Unterschlupfs. Oder den Mann mit Zylinder, der die ganze Nacht vor einem majestätischen Gebäude mit rotem Teppich ausharrt. Oder den Fuchs, der ihr in der ersten Nacht zuläuft. Achtung Tollwut, ruft der innere Berliner sofort, Wanda aber denkt: Der ist bestimmt einsam! Erst später wird klar, dass auch sie Tollwut befürchtete, ihre Angst aber sofort verwarf. Schließlich hätte sie den Fuchs nicht alleinlassen können.
Scheffel gelingt es, eine leicht verwunschene Realität zu erschaffen, lässt jedoch nicht zu, dass ihre Protagonisten sich darauf ausruhen. Das Brandenburger Tor verwandelt sie in ein magisches Tor, das Hotel Adlon wird zum "Hotel Avalon" und Schloss Bellevue zu einem Schloss, in dem früher Prinzen und Prinzessinnen gewohnt haben müssen. Mal schmückt sie die Realität mit ein bisschen Magie, mal lässt Scheffel sie ungeschönt auf ihre Protagonisten prallen. Nicht lang dauert es, bis Wanda Sami kennenlernt. Sami ist von zu Hause abgehauen, weil seine Familie abgeschoben werden soll. Sein Herkunftsland ist jetzt sicher, wie man ein paar Meter weiter im Regierungsviertel befindet.
Mit der Zeit stößt Wanda auf immer mehr Menschen, die gute Gründe haben auszubrechen - aus zu lauten Hortgruppen zum Beispiel oder einengenden Seniorenheimen. Scheffels Figuren könnten verschiedener kaum sein, fast schematisch treten sie zuweilen auf - was eingebettet in die Geschichte nicht eindimensional, sondern angemessen verwunschen erscheint. So gibt es auch einen klassischen Bösewicht: Herr von Brachburg ist Chef des "Hotels Avalon" und will nicht nur den Portier kleinhalten, sondern die ganze Welt. Er ist der ideale Antagonist für eine sich zunehmend emanzipierende Protagonistin.
Die teilt ihr Versteck am Anfang nur zögerlich - schließlich ist es kein Versteck mehr, wenn jeder es kennt. Also beschließt Wanda schon bald, das Torhaus nicht mehr Versteck, sondern Zuhause zu nennen. Und ein Zuhause will eingerichtet werden: mit Bildern, einem Teppich, einer kaputten Lampe.
Die Bärin scheint da zunächst nicht hineinzupassen. Ist doch Wandas Geschichte aufregend genug. Ihre Abenteuer beginnen, sich zu kreuzen, als eine Belohnung ausgerufen wird für denjenigen, der die aus einem Zwinger ausgebüxte Bärin findet. Auch hier dient die Realität als Ausgangspunkt: Tatsächlich hielt Berlin bis 2015 Bären im Stadtzentrum. Nur ausgebüxt sind sie nie. Und bei Scheffel beläuft sich die Belohnung dann selbstredend auch nicht auf so etwas Unmagisches wie Geld, sondern auf einen freien Wunsch.
Ob es ein Happy End gibt, soll nicht verraten werden. Die Moral der Geschichte hat Scheffel aber jedenfalls schon vorher in ihre Charaktere eingewebt. Sie alle lernen, bei sich selbst anzukommen. Und das ist das Schöne: ganz ohne Magie. ANNA NOWACZYK
Annika Scheffel: "Wanda".
Thienemann Verlag, Stuttgart 2025. 368 S., geb., 15,- Euro. Ab 11 J.
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