Das Jahr 1938 markiert einen jener seltenen Momente der Geschichte, in denen sich die Zukunft eines ganzen Jahrhunderts auf wenige Tage und einen einzigen Ort verengt hatte. In ihrem neuen Werk München 38: Die Welt am Scheideweg unternehmen Christian Goeschel und Daniel Hedinger das Wagnis, die vielzitierte Münchner Konferenz neu zu bewerten endlich einmal weg von der rein europäischen Perspektive, hin zu einer globalen Einordnung, die in Zeiten neuer autoritärer Achsen erschreckend aktuell wirkt.
Das Buch konzentriert sich auf die dramatischen drei Tage im September 1938. Die Ausgangslage ist bekannt: Adolf Hitler droht mit dem Einmarsch in die Tschechoslowakei, die Welt hält den Atem an. In München treffen sich Neville Chamberlain (Großbritannien), Édouard Daladier (Frankreich), Benito Mussolini (Italien) und Hitler, um den Frieden zu retten. Das Ergebnis war das Münchner Abkommen, das die Zerschlagung der Tschechoslowakei besiegelte, ohne dass deren Vertreter überhaupt am Verhandlungstisch sitzen durften.
Goeschel und Hedinger gelingt es, diese dichte Atmosphäre meisterhaft einzufangen. Es war eine Diplomatie der Erpressung, die unter dem Deckmantel der Friedenssicherung die regelbasierte Weltordnung opferte.
Was dieses Buch von bisherigen Darstellungen abhebt, ist der globale Fokus. Die Autoren zeigen auf, dass München kein isoliertes europäisches Ereignis war. Der Aufstieg des Faschismus in Europa war eng verknüpft mit der japanischen Expansion in Asien und dem italienischen Angriffskrieg in Äthiopien. Den zwei demokratischen Hauptakteuren ging es vornehmlich um den Erhalt ihres jeweiligen Imperiums, ihrem Kolonialreich. Den Engländern um Indien, den afrikanischen Kolonien. Frankreich um die Kolonien in Ost-Indien, Nord-Afrika etc. Diese beiden Akteure spielten auch mit dem Gedanken, dem Deutschen Reich die durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages abgesprochenen Kolonien und noch einiges mehr um den Frieden zu erhalten zurück zu geben. Das Zurückweichen der Demokratien in München sandte im Endeffekt ein Signal an die ganze Welt: Aggression lohnt sich, wenn man nur fest genug entschlossen ist, das Völkerrecht zu ignorieren.
Das Menetekel für das Jahr 2026
Die eigentliche Wucht entfaltet die Rezension jedoch im Vergleich mit unserer heutigen geopolitischen Lage. Goeschel und Hedinger stellen die Frage: Was haben wir gelernt?
Die Parallelen sind kaum zu übersehen. Wenn heute wieder über territoriale Zugeständnisse verhandelt wird, um einen Aggressor zu besänftigen, weht der Geist von 1938 durch die Konferenzsäle. Die Autoren warnen davor, Appeasement als bloßen diplomatischen Fehler abzutun. Vielmehr war es eine Erosion der moralischen und strategischen Abwehrkräfte.
Die Rolle der Autokraten: So wie damals Hitler und Mussolini spielen heute Putin und andere autokratische Führer sie spielen nach Regeln, die den Frieden nicht als Ziel, sondern als Pause zur Aufrüstung verstehen. Auch die Ohnmacht der Institutionen ist vergleichbar: Das Versagen des Völkerbundes 1938 findet sein Echo in der heutigen Blockade internationaler Gremien. Dem interessierten Leser werden da auf der Stelle Namen wie Orban (Ungarn), Vucic (Serbien) oder Fico (Slowakei), um sich nur mal auf Europa zu beschränken. Wobei die Sehnsucht nach Frieden damals wie heute länderübergreifend vorhanden ist. Aber dieser Wunsch wird oft von jenen instrumentalisiert, die den Krieg bereits fest eingeplant haben.
Eine Analyse der strategischen Fehler von 1938 und deren beunruhigende Spiegelung in der heutigen Ukraine-Politik sieht so aus:
Die drei Kardinalfehler Neville Chamberlains
1.) Die Fehlinterpretation des Gegenübers: Chamberlain glaubte, Hitler sei ein rationaler Akteur, der begrenzte, revisionistische Ziele verfolge (die Heimholung der Sudetendeutschen). Er verstand nicht, dass Hitler kein Interesse an einem stabilen Status quo hatte, sondern an der totalen Vernichtung der bestehenden Ordnung.
2.) Verhandlungen über Köpfe hinweg: Der wohl größte moralische und strategische Bruch war es, die Tschechoslowakei von den Verhandlungen auszuschließen. Dies zerstörte das Vertrauen kleinerer Staaten in kollektive Sicherheitssysteme nachhaltig.
3.) Zeitgewinn als Trugschluss: Chamberlain hoffte, durch das Abkommen Zeit für die britische Aufrüstung zu kaufen. Das Buch zeigt jedoch auf, dass auch Deutschland diese Zeit nutzte, um seine Kriegsmaschinerie massiv zu beschleunigen und die Ressourcen der besetzten Gebiete einzuverleiben.
Es ergeben sich Parallelen zur heutigen Ukraine-Politik. Wenn wir die Analysen aus München 38 auf die aktuelle Lage im Jahr 2026 übertragen, ergeben sich drei zentrale Diskussionspunkte:
A. Die Salamitaktik der Aggressoren
Damals hieß es: Nur das Sudetenland, dann ist Ruhe. Heute hören wir oft ähnliche Stimmen in Bezug auf den Donbas oder die Krim. Goeschel verdeutlicht, dass territoriale Zugeständnisse an Diktatoren selten den Hunger stillen, sondern vielmehr den Appetit anregen. Wer heute fordert, die Ukraine solle Territorium für Frieden opfern, handelt exakt nach dem Münchner Modell.
B. Die Erosion der Roten Linien
In München gaben die Westmächte ihre Sicherheitsgarantien für Prag auf, sobald es unbequem wurde. In der aktuellen Debatte beobachten wir oft ein Zögern bei Waffenlieferungen oder Sicherheitszusagen aus Sorge vor Eskalation. Das Buch argumentiert, dass gerade dieses Zögern damals wie heute vom Aggressor als Schwäche interpretiert wird, was die Wahrscheinlichkeit eines großen Krieges eher erhöht als senkt.
C. Das Schicksal der Nicht-Geladenen
Das Kernmerkmal von München war das Diktat über Dritte. Die Autoren ziehen hier eine klare Verbindung zur heutigen Forderung Nichts über die Ukraine ohne die Ukraine. Sie warnen eindringlich davor, dass Großmächte wieder beginnen könnten, Einflusssphären über die Köpfe souveräner Staaten hinweg auszuhandeln ein Rückfall in die instabile Weltordnung der 1930er Jahre.
Fazit für die Gegenwart
Das Buch lässt den Leser mit einer unbequemen Erkenntnis zurück: Appeasement ist keine Friedenspolitik, sondern eine Risikoverschiebung in die Zukunft mit Zins und Zinseszins. Die heutige Ukraine-Politik steht vor demselben Scheideweg wie Chamberlain und Daladier: Glaubt man an ein Arrangement mit einem System, das die regelbasierte Ordnung ablehnt, oder erkennt man rechtzeitig, dass Standhaftigkeit der einzige Weg ist, um einen noch größeren Flächenbrand zu verhindern?
Das Buch von Goeschel und Hedinger räumt mit dem weitverbreiteten Mythos auf, dass der Zeitgewinn für die eigene Aufrüstung ein erfolgreiches Kalkül des britischen Premierministers Neville Chamberlain war. Hier sind die spezifischen historischen Einordnungen und Daten zu diesem Punkt:
Die Autoren belegen, dass das Argument des Zeitkaufs oft eine nachträgliche Rechtfertigung für das Scheitern in München war. Zwar rüstete Großbritannien nach 1938 massiv auf (insbesondere die Royal Air Force), doch das Buch zeigt auf, dass Deutschland diese 11 Monate bis zum Kriegsbeginn 1939 strategisch effektiver nutzte:
Ressourcengewinn: Durch die Besetzung der Rest-Tschechei im März 1939 fielen Hitler enorme Bestände an modernstem Kriegsgerät (u.a. Panzer der Marke Škoda) und eine der leistungsfähigsten Rüstungsindustrien Europas in die Hände. Ohne diese tschechischen Panzer wäre der spätere Feldzug gegen Frankreich laut Militärhistorikern kaum in dieser Form möglich gewesen.
Strategische Lage: Mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei verlor das französisch-britische Bündnis einen hochgerüsteten Verbündeten mit 35 Divisionen und einer starken Grenzbefestigung, der Deutschland im Falle eines Zweifrontenkrieges hätte binden können.
Mit rund 330 Seiten ist München 38 kein trockenes Geschichtsbuch. Die beiden Autoren schreiben flüssig, verzichten auf unnötigen Jargon und rücken die menschliche Komponente die Angst, die Hybris und den Verrat in den Mittelpunkt.
Wer verstehen will, warum die Preisgabe kleinerer Staaten im Namen eines faulen Friedens fast immer in die
Katastrophe führt, muss dieses Buch lesen. Und dabei die Karten im Anhang nicht übersehen. Mit deren Hilfe sich durchaus Ähnlichkeiten mit den kriegerischen Aktionen Russlands in der Ukraine ableiten lassen.
Das Buch ist ein Plädoyer für Standhaftigkeit und die schmerzhafte Erkenntnis, dass Diplomatie ohne die Bereitschaft zur Verteidigung der eigenen Werte oft nur die Kapitulation auf Raten bedeutet.