
Besprechung vom 03.01.2026
Viel Getöse um Gekröse
Karl-Heinz Otts höchst gelungene Reise- und Theatergroteske "Die Heilung von Luzon"
In diesem Jahr waren die Philippinen Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, und pünktlich dazu erschien der neue Roman von Karl-Heinz Ott. Der in Freiburg lebende Autor führt uns darin nicht - wie so oft - in den Schwarzwald, sondern in den Dschungel der philippinischen Hauptinsel Luzon in ein Beach Resort, vier bis fünf Stunden Autofahrt nördlich von Manila. Zufall?
Drei Paare, zwei aus Berlin, eines aus Moers, machen sich unabhängig voneinander auf den Weg zu einem Wunderheiler, denn zwei Frauen und ein Mann dieser Gruppe haben eine lebensbedrohende Krebserkrankung hinter sich und hoffen auf Heilung. Sie suchen kein tropisches Paradies, sie suchen einen neuen Lebensweg, weit weg von ihrem bisherigen Alltag, der sie natürlich immer wieder einholt. Zunächst ist das Staunen groß: "Man konnte sich hier wirklich wie in der Südsee fühlen. Das Schöne war aber dieses Schlichte, dieses Einfache, kein Tourismus, nichts Überfülltes. Fast wie zu Zeiten, als man noch auf eigene Faust in ferne Länder reiste, voller Ungewissheit, ob man heil zurückkehren würde. Nicht einmal das Meer machte hier viel von sich her. Es gehörte noch nicht den Fotografen und Hochglanzmagazinen, kein Mensch interessierte sich für diese Ecke, was den Vorteil hatte, dass hier zwei Wochen so viel kosteten wie anderswo zwei Tage. Außer dem Flug und den tausend Dollar für den Heiler war das meiste nahezu umsonst."
Die Reisenden bewegen sich im Alter zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig - gerade der rechte Zeitpunkt, um über sein Leben neu nachzudenken oder Bilanz zu ziehen. Im Mittelpunkt der Gruppe steht Bock, ein ehemals erfolgsverwöhnter und wilder Regisseur, der früher auf dem Theater und jetzt auf den Philippinen sein Ego hemmungslos austobt, denn er weiß alles, will stets den Ton angeben und unterdrückt seine Umgebung gnadenlos. Dass er selbst längst auf dem Abstellgleis steht, bemerkt er nicht. Vorbei ist seine Zeit, die der Autor in einer köstlichen Persiflage noch einmal Revue passieren lässt.
Karl-Heinz Ott, Jahrgang 1957, weiß, wovon er schreibt, denn der Schriftsteller war selbst viele Jahre als Operndramaturg unter anderem in Freiburg, Basel und Zürich tätig und ist Theaterautor. Er kennt den Laden also bestens von innen, zumal er mit der Schauspielerin und Autorin Theresia Walser zusammenlebt. Aus dieser Kenntnis speist sich sein geschliffener Witz, wenn er Bock in Szene setzt und die anderen Heilsuchenden in aberwitzige Dialoge verstrickt.
Im Ocean Beach Resort prallen sie aufeinander: die drei Paare Bock und Gela, Tom und Rikka, Susanne und Eugen. Mit kluger Beobachtung arrangiert Ott ein buntes Szenario menschlicher Gefühle und Befindlichkeiten, wie in einem Kammerspiel. Nur an einem Ort kommen alle friedlich zusammen, beim Wunderheiler. Die Erwartungen sind hochgesteckt, die Realität sieht anders aus, kein schickes Sanatorium: "Da standen sie nun, verloren zwischen leeren Gehegen und Gestrüpp, das aus allen Ritzen kroch. Kein normales Haus weit und breit, nur dieser Schuppen mit den verbarrikadierten Fenstern und einem Schiebetor, das verschlossen schien. Aber was war hier schon normal? Ihre ganze Reise hatte nichts Normales. Ihr erster Gedanke war: Das hier kann niemals der richtige Ort sein, es musste sich um eine Verwechslung handeln. Keine Tür, keine Klingel, kein Hinweis, kein Nichts. Dabei waren sie auf alles gefasst. Aber nicht auf so etwas. Verwahrlosung, wohin man blickte."
Es ist der richtige Ort, aber der entspricht keineswegs den europäischen Phantasien. Der Wunderheiler Bon Sato tritt auf wie ein strenger Priester. Er fragt die Patienten nicht nach deren individuellen Krankheitsgeschichten, sondern alle erhalten eine Einheitsbehandlung. Jeder muss sich der Reihe nach in einem finsteren Raum fast nackt auf eine ärmliche Pritsche legen, dann beginnt die Prozedur. Der Heiler knetet Haut, Brust und Bauch, und wie im Wunder fallen blutige Fleischstücke aus dem Körper des jeweiligen Patienten, Blut fließt reichlich.
Am Ende nimmt der Heiler einen Lappen, wischt alles ab, und der Körper ist unversehrt, die Fleischstücke - also die rituelle Reinigung - werden in einen Eimer geworfen. Wo der Heiler die Fleischbrocken hergenommen hat, vielleicht aus seinem Ärmel, bleibt ein Rätsel. Die Kranken vermuten, es handele sich um Hühnerklein, Gekröse. Keiner protestiert, alle nehmen die "Behandlung" demütig hin, keiner spürt eine auffällige Veränderung an seinem Körper. Ob es gewirkt hat oder nicht, bleibt offen.
Und noch ein Wunder ist im Programm. Die Gruppe erfährt, dass am Karfreitag in der Stadt San Fernando echte Kreuzigungen mit lebendigen Menschen, die sich freiwillig dafür melden, stattfinden. Bock will unbedingt dorthin, denn er hat ein letztes Theaterprojekt in Konstanz vor und erhofft sich Anregungen von dem philippinischen Spektakel. Er und Gela begeben sich nach vielen Streitereien gemeinsam auf den Weg, um Zeuge der Ungeheuerlichkeit zu werden. Aber kein Einheimischer will ihnen den Ort der theatralischen Hinrichtungen verraten; sie suchen eifrig und ergebnislos, denn wie sich später herausstellt, sind sie im falschen San Fernando. Mit verblüffender Lakonie nehmen die beiden Sensationslüsternen die Auskunft entgegen, obwohl sie einen ganzen Tag unterwegs waren. Pech gehabt, mehr nicht.
Fremde Welten, die in europäische Imaginationen gepackt werden, lösen sich in Nichts auf. Auch eine kurze nächtliche Liebesaffäre zwischen Tom und Gela, die sich von ihrem Bock schon längst befreien will, scheitert am Ende. Heilung - das war eine Illusion. Nur die zauberhaften Sonnenuntergänge, die Ott mit feinem Pinsel ausmalt, sind wahre Naturereignisse und durchziehen wie ein verlässliches Muster den grotesk-komischen Roman. LERKE VON SAALFELD
Karl-Heinz Ott: "Die Heilung von Luzon". Roman.
Hanser Verlag, München 2025. 336 S., geb.,
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