
Auf der Suche nach dem legibrerianischen Hasen, der scheinbar fliegen kann, reist der englische Naturforscher Clarke in den Süden Argentiniens. In Begleitung des jungen Aquarellmalers Carlos Alzaga Prior und des Gauchoführers Guana begegnet »der Engländer« einer Gruppe indigener Mapuche, die ihm schließlich bei seiner Mission helfen und ihn in ihre Lebensweise sowie Sprache einführen. Als Gegenleistung soll Clarke ihnen bei der Suche nach dem vermissten Stammesanführer helfen. Doch ist dieser wirklich entführt worden? Existiert ein hasenförmiger Diamant der Witwe Rondeau tatsächlich? Auch eine Reihe ungewöhnlicher Phänomene macht dem Naturforscher zu schaffen: menschengroße Enten, improvisierte Kehlenschlitzer, ein Betrunkener, der ihm über den Kopf fliegt, eine durch unterirdische Tunnel reitende Kriegerkolonne und sein Doppelgänger, der ihm um Mitternacht begegnet.
Voll Witz, Ironie und mit dem bekannten Aira-Zauber reflektiert César Airas Großwerk subtil über die Liebe, den Kolonialismus des viktorianischen Zeitalters und die Realitäten, die die Sprache formt.
Besprechung vom 06.02.2026
Dieses Buch schlägt Haken wie ein Kaninchen auf Drogen
Alles kann hier immer in sein Gegenteil verkehrt werden - aber der argentinische Schriftsteller César Aira weiß, wie "Der Hase" läuft
Im Werk von César Aira werden überganglos zutiefst philosophische Reflexionen und realistische Handlungsbögen montiert mit gezüchteten Aliens, geklonten Schriftstellern, nackten Gespenstern, selbstmordgefährdeten Pferden und ermordeten Eiscremehändlern. Der 1949 in Argentinien geborene Autor zählt seit Langem zu den größten lebenden Schriftstellern der spanischen Sprache.
Seit einiger Zeit erscheint bei Matthes & Seitz Berlin die hübsch aufgemachte "Bibliothek César Aira", mit der versucht wird, der schieren Schreibsucht Airas Herr zu werden. Seit 1975 veröffentlichte er weit über 100 Bücher, meist kurze, flink erzählte wahnwitzige Geschichten, die vor Fabulierlust strotzen.
Mit "Der Hase" erscheint erstmals auf Deutsch einer seiner frühen Romane. 1991 im Original veröffentlicht, erzählt der Roman von dem englischen Naturforscher Clarke, der die argentinische Pampa des 19. Jahrhunderts durchstreift auf der Suche nach dem sogenannten legibrerianischen Hasen. Charles Darwins Schwager Clarke möchte das sagenumwobene Tier aufstöbern und beschreiben, da "gewisse wissenschaftliche Gesellschaften in Europa großes Interesse" an dem Langohr hegen.
Nicht mehr und nicht weniger ist der Handlungsmotor dieses Buches. Dass der Hase in der anfangs erklärten Form nicht gefunden wird, der Plot aber so viele Haken schlägt wie ein Kaninchen auf Drogen, gehört zu Airas Kunst.
Clarke wird auf großen Strecken seiner Reise zu Pferd von dem jungen Aquarellisten Carlos begleitet. "Reiten, Rumhocken und Reden" heißt die Devise auf ihrem Weg durch "die offenen Räume der Pampa". Die beiden erzählen sich Geschichten aus ihrem Leben, wie es einst Don Quijote und Sancho Panza taten, und werden langsam Freunde. Immer wieder begegnen sie der indigenen Bevölkerung des Landes, kommen mit ihr ins Gespräch, um sich zu dem "berühmten Hasen" durchzufragen wie ermittelnde Detektive, geraten aber auch in Konflikt mit verschiedenen Stämmen. Infolgedessen durchlebt Clarke sogar eine Wandlung vom steifen britischen Akademiker zum unerschrockenen Kriegsherrn.
Diese verblüffende Veränderung des Naturforschers wird in dem Roman durch zwei Dinge möglich. Zum einen durch die vorherrschende Motivgruppe der Umkehr und der Inversion. Alles, so scheint es, kann immer in sein exaktes Gegenteil gekehrt und gespiegelt werden, was sich auch in dem Doppel von Clarke und Carlos zeigt, die sich immer ähnlicher werden, und in einer wunderbaren Szene, wenn Clarke seinem Doppelgänger in einem Zelt begegnet, der "sich selbst ähnlicher als er selbst" war. Zum anderen ist in Airas wilder Literatur aber ohnehin scheinbar alles möglich. Nie hat man festen Boden unter den Füßen, jeden Moment kann alles zusammenbrechen, und das macht die große Komik und den unendlichen Spaß seiner Bücher aus.
Aira nennt seine Arbeitsweise "fuga hacia adelante" oder Flucht nach vorn. Ganz langsam schreibt er jeden Tag nur wenige Seiten, meistens gar nur eine, improvisiert vollkommen frei und überarbeitet niemals. So scheinen sich seine einzigartigen Erzählungen und Romane sehr häufig in eine Sackgasse zu erzählen, aus der nur irgendein verrückter Einfall wieder herausführen kann. Das kann alles Mögliche sein: Plots aus Kolportage-, Abenteuer- und Science-Fiction-Romanen, aber auch einfache Verwandlungen.
Nachdem Clarke und Co. alles daransetzten, den Hasen zu finden, stellen sie irgendwann fast nebenbei fest, dass es sich dabei vielleicht gar nicht um ein Tier handelt, sondern um einen Diamanten, und nur die "Form des Diamanten erinnert stark an die eines Hasen". Nach derartig antiklimaktischen Wendungen führt Airas Humor oft zu selbstreferenziellen Kommentaren, etwa: "Wir befinden uns bereits tief im Reich der Fiktion, wofür ich mich entschuldige."
"Der Hase" ist nicht Airas bestes Buch. Die Gespräche in der endlos wirkenden Weite der Pampa sind mitunter von Langeweile geprägt, wobei dies gekonnt die Erfahrung der Reisenden wiedergibt. Die kurzen, bündigen Werke "Gespenster" (1990), "Wie ich Nonne wurde" (1993) oder "Das Testament des Zauberers Tenor" (2013) sind seiltänzerischer und von brillanterem Witz gezeichnet. Und doch ist "Der Hase" ein fabelhafter Blick in Airas Frühwerk, als der von Jorge Luis Borges und dem Surrealismus gleichermaßen beeinflusste Autor begann, realistische Erzählformen wie den Abenteuer- und Reiseroman und überkommene Vorstellungen von Kolonialismus in den Mixer seiner philosophischen, hochkomischen Imagination zu stecken. Und hier, in Christian Hansens wunderbarer Übersetzung, zeigt sich stets bereits Airas ganz eigene spielerische, lebensenthusiastische Poesie:
"Wir fanden Berge aus schwarzem Eis, die vor unseren Augen vorüberzogen; Wälder von riesigen, blauen Kiefern, in denen Hirsche, groß wie Pferde, grasten; Täler, über und über mit Blumen bedeckt, darüber zyklopische Karniese von Schnee, deren Voluten der Wind polierte; Seen, glatt wie Spiegel, Winde, die schaurige Melodien keiften, Marmorblöcke wie gewaltige Paläste. Alles entzückte uns, in jedem großen oder kleinen Detail fanden wir uns at home."
Wer die große Kunst dieses häufig für den Nobelpreis vorgeschlagenen Autors noch nicht kennengelernt hat, hat nun die Gelegenheit, in "Der Hase" etwas heimisch zu werden. JAN WILM
César Aira: "Der Hase". Roman.
Aus dem Spanischen von Christian Hansen.
Matthes & Seitz, Berlin 2025.
238 S., geb.
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