
Mit Anklängen an Franz Kafka und Han Kang erzählt Hiroko Oyamada vom tiefen Unbehagen an einer Welt, in der sich die Beziehung des Menschen zur Arbeit grundlegend verändert.
Die Fabrik ist ein schier unüberschaubar großes Gelände in einer namenlosen japanischen Stadt. Die Angestellten widmen sich den ihnen zugewiesenen Aufgaben, den höheren Zweck kennen sie nicht. Drei junge Menschen wurden vor Kurzem eingestellt: eine Frau, die einen Papierschredder bedient, ein Mann, der nicht näher spezifizierte Dokumente Korrektur liest, ein dritter, der sich einem rätselhaften Begrünungsprojekt widmen soll und zunächst die Moosarten studiert, die auf dem weitläufigen Gelände wachsen.
Während sie gewissenhaft ihrer Arbeit nachgehen, nehmen die Tage eine seltsame Logik und Dynamik an. Die Fabrik scheint sich immer mehr auszudehnen, die Ränder der Realität nach und nach aufzulösen. Wo endet die Fabrik, wo beginnt der Rest der Welt? Was hat es mit den seltsamen Tieren auf sich? Nach Wochen (oder sind es Jahre?) stellen alle drei sich schließlich die grundlegendste aller Fragen: Warum bin ich hier?
Die Fabrik ist ein Roman über das Beunruhigende hinter der Oberfläche einer Welt, die wir nicht mehr verstehen. Auch für alle Fans der TV-Serie Severance!
Besprechung vom 16.07.2026
Wenn der Korrektor der Korrektoren neue Fehler produziert
Rebellion der Undankbarkeit: Hiroko Oyamadas Roman "Die Fabrik" gibt Einblicke in die geschlossene Gesellschaft eines japanischen Firmenalltags
"Ich hatte das Gefühl, als wären mein Job und ich, die Fabrik und ich, die Gesellschaft und ich ohne jede Verbindung, als wären wir durch ein hauchdünnes Blatt Papier voneinander getrennt." Im Zentrum der Romane der 1983 geborenen Hiroko Oyamada steht der von seiner Umwelt entfremdete, fremdbestimmte und in Zeitschleifen des Alltags gefangene Mensch. Als Autorin der "Lost Generation" nach der Wirtschaftskrise von 2008 steht sie in der Tradition proletarischer Literatur wie Takiji Kobayashis "Das Fabrikschiff" von 1929, zählt aber auch Kafka und Vargas Llosa zu ihren Vorbildern. Surreales Ambiente und sinnloses Sein prägen ihren Roman "Das Loch" (2014), für den sie den Akutagawa-Preis erhielt.
Im vorliegenden, bereits 2013 in Japan erschienenen Buch verarbeitet Oyamada ihre Erfahrungen bei einem Autohersteller. Drei Mitarbeiter einer weitläufigen Fabrik, deren Produkte unklar bleiben, repräsentieren Gradierungen der Abstiegsgesellschaft: Da wären der festangestellte Furufue, die befristet Angestellte Yoshiko und ihr namenloser Bruder, ein Leiharbeiter. Oyamada arbeitet als Poetin des Prekären Paradoxien der modernen Arbeitswelt heraus: Der Bryologe Furufue, der viel lieber an der Universität geblieben wäre, ist von seinem Professor dem Unternehmen empfohlen worden und mit einem absurden Projekt der Dachbegrünung betraut. Yoshiko, die zuvor Linguistik studiert hat, muss sich dagegen im "Schredder-Team" der Sprachvernichtung widmen. Ihr Bruder, bisher Systemingenieur, mutiert zum analogen Korrektor von Firmentexten. Ein ominöser Korrektor der Korrektoren sorgt dafür, dass korrigierte Dokumente mit noch mehr Fehlern wiederkehren. Festangestellt sind fast nur Koordinatoren von Zeitarbeitsfirmen. Im Perspektivwechsel der Bewusstseinsströme der drei Antihelden entstehen existenzielle Stimmungsbilder Japans.
Als Stadt in der Stadt ist die Fabrik ein sich selbst genügender Mikrokosmos, neoliberales Biotop und Perpetuum mobile verwalteter Wünsche: So gibt es "Appartementhäuser, Supermärkte, Vergnügungsstätten wie eine Bowling-Bahn oder Karaoke-Bars", nur "einen Friedhof gibt es nicht". Doch die unter Fatigue-Syndrom leidenden Arbeiter - plötzlich eingeführte Trennwände sollen die Produktion steigern - ähneln Zombies. Eine alternative Lebenswelt bilden die in der Peripherie der Fabrik sich ansiedelnden Ökosysteme. Die ihr Lebensrecht einfordernde, überbordende Natur und Tiere, die es sich in den Nischen und Rissen des Systems eingerichtet haben, sind typisch für Oyamadas Werke.
Da wären Katzen, Nagetiere oder "Waschmaschinen-Echsen", die in der Fabrikwäscherei in Symbiose mit Waschmaschinen wohnen. Symbolkraft haben Kormoranen ähnelnde schwarze Vögel an der Mündung eines großen Flusses, die auf die Fabrik starren. Übergänge zwischen Maschinen und Lebewesen und Mensch-Tier-Ambiguitäten regen abseits zwischenmenschlicher Karrierekämpfe zum harmonischen Miteinander der Menschen, Maschinen und Nichtmenschen an. Das Buch lenkt den Blick vom Patriarchat zur Mutter Natur, vom Anthropozän zur Vielfalt der Arten und Lebensstile fern vom Primat des Wachstums und Funktionierens. Yoshikos traumgleicher Spaziergang über die sich in Raum und Zeit verlierende gigantische Brücke zwischen dem südlichen und dem nördlichen Fabrikareal ist eine Initiationsreise zu den Triebkräften des Kapitalismus. Wo hört Natur auf, und wo fängt Kontrolle an? Warum verwirrt uns die Wildnis? Erwachsen neue Lebensformen aus spätkapitalistischen Ruinen? Gibt es eine nachhaltige Bioökonomie der Bedürfnisse? Bald macht sich unter den Arbeitern eine Rebellion der Undankbarkeit breit.
Oyamada überzeugt mit luziden Grenzgängen. Sie evoziert Gedankenspiele über das als natürlich inszenierte Firmenleben und die ihrer Natürlichkeit beraubte Natur und das instinktive Schwarmverhalten der Arbeiter. Zuletzt erkennen die drei Protagonisten die Erlösungsversprechen des Kapitalismus und den Mehrwert der Arbeit als Illusion. In surrealen Evasionen ("In dem Moment, als ich den letzten Stapel aus der Kiste holte und in die Maschine stopfte, verwandelte ich mich in einen schwarzen Vogel") kommt es zum Aufbegehren gegen Routinen der Großraumbüros und der Freiheitswillen wird flügge.
Die Schicksalsfäden der drei Arbeiter als Marionetten der Mächtigen verweben und entwirren sich wieder, wobei zwischen Rebellion und Resignation das Ende offenbleibt: "Was ist schon ein dünnes Blatt Papier? Alle kannten doch dieses dünne Papier und gingen trotzdem einer Arbeit nach." STEFFEN GNAM
Hiroko Oyamada:
"Die Fabrik". Roman.
Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Rowohlt
Verlag, Hamburg 2026.
160 S., geb.
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