Halbtier! liest sich nicht leicht, aber legt den Finger in eine immer noch schwärende Wunde. Es ist dennoch eines der besten Bücher gewesen, die ich in diesem Jahr lesen durfte!
In dem Buch begleiten wir Isolde, eine junge Frau, die schon sehr früh weiß, was sie will und interessiert. Leider stößt sie genau damit immer wieder gegen die Grenzen und Beschränkungen, die ihr ihr Geschlecht im späten 19. Jahrhundert auferlegt. Wie viele Frauen ihrer Zeit wächst Isolde in dieses System hinein, ohne es zunächst in Frage zu stellen.
Als sich Isolde in den Künstler Henry Mengersen verliebt, eskaliert die Geschichte endgültig. Mengersen nutzt Isoldes Bewunderung gezielt aus, um Macht über sie zu gewinnen - emotional, körperlich aber auch sozial. Missbraucht und anschließend weggeworfen erscheint es als würde Isolde endgültig aufwachen und beginnt die patriachalen Strukturen nicht nur zu sehen sondern auch dagegen anzukämpfen.
Böhlau erzählt mit einer rohen Brutalität, wie Frauen in diesem System ausgenutzt werden. Hier gelten Frauen als Ressource oder notwendiges Übel. Sie haben hübsch auszusehen, den Haushalt zu führen, Kinder zu kriegen und v.a. natürlich dem Mann zu dienen. Eine eigene Meinung, die die Frauen auch noch kundtun? Um Gottes Willen, NEIN! Auf ewig dazu verdammt, die ihnen zugedachte Rolle zu erfüllen, ohne jemals selbst wirklich gesehen und anerkannt zu werden. Dieser Roman macht wütend und gleichzeitig auch unfassbar traurig und bedrückt.
Am Ende steht Isoldes Freitod. Diese Entscheidung wirkt weniger wie Selbstermächtigung sondern eher wie die bittere Erkenntnis, dass innerhalb dieser Gesellschaft kein Raum für weibliche Autonomie existiert. Der Roman bietet keine Lösung, keinen Ausweg, kein tröstliches Narrativ, sondern zeigt Zustände und überlässt das Urteil den Lesenden.
Halbtier! ist ein absoluter Klassiker des Feminismus, den man selbst gelesen und erlebt haben muss.