**** Mein Eindruck ****
Ein Buch voller Zwischentöne und zugleich voller direkter Gesellschaftskritik. Es ist leise und laut, ehrlich und verstrickt. Erneut wird hier eine große Kunstfertigkeit im Schreiben sichtbar. Die Geschichte fordert Aufmerksamkeit, schenkt dafür aber Tiefe und viel Raum zum Nachdenken.
Kismet ist für mich das große Rätsel dieses Romans. Warum sagt sie Ja zu einem Antrag eines Mannes, den sie nicht heiraten will? Was verbindet sie wirklich mit dem warmherzigen, beinahe zu guten Hugo? Am Hochzeitstag spitzt sich alles zu. Die Wirtschaftskrise ist spürbar, die Ausweglosigkeit greifbar und moralische Grenzen beginnen zu verschwimmen. Aus Not wird Versuchung, aus Druck entstehen Entscheidungen. Sympathien und Antipathien zeichnen sich deutlich ab, besonders Kismets Mutter hat mich tief beeindruckt. Sie tut alles, um ihrer Tochter Bildung zu ermöglichen, opfert sich regelrecht auf und strahlt dabei eine enorme Stärke aus. Ihr fühlte ich mich am nächsten.
Der Roman ist in fünf Teile gegliedert und arbeitet mit kurzen Kapiteln, oft nur Momentaufnahmen aus dem Alltag der Figuren. Erzählt wird in der Sie-Perspektive und wir begleiten unterschiedliche Charaktere. Diese fragmentarische Struktur besitzt eine große erzählerische Kraft, weil sie präzise Augenblicke einfängt und das Wesentliche verdichtet. Gleichzeitig fordert sie Konzentration. Ich musste mein Lesetempo bewusst drosseln, um nicht zu schnell zwischen den Perspektiven zu springen. Manche Kapitel umfassen nur eine halbe Seite, erzählen aber dennoch einen entscheidenden Moment. Dieses Stilmittel empfinde ich grundsätzlich als Stärke, auch wenn mein Namensgedächtnis zu Beginn etwas gefordert war.
Das Thema Umwelt ist fein und unaufdringlich mit den Figuren und dem Geschehen verwoben. Der kritische Blick auf unseren Umgang mit der Natur ist dauerhaft präsent, ohne belehrend zu wirken. Die Charaktere sind differenziert gezeichnet, vielschichtig und in ihren Widersprüchen glaubwürdig. Laut und leise, hart und zart liegen hier dicht beieinander.
Trotz all dieser Qualitäten sprang der letzte emotionale Funke für mich nicht vollständig über. Die schnellen Wechsel und die starke Strukturierung auf Momentaufnahmen hielten mich stellenweise auf Distanz.
**** Empfehlung? ****
Ein literarisch anspruchsvoller Roman für Leser*innen, die fragmentarisches Erzählen, gesellschaftskritische Untertöne und fein gezeichnete Figuren schätzen. Wer sich auf die besondere Erzählweise einlässt, wird eine vielschichtige und nachhallende Lektüre erleben. Für mich starke vier Sterne.