
»Wohin treibst Du? Weißt Du, was Du riskierst? «
Karen verlässt die Stadt, in die sie einst voller Hoffnungen und Träume gekommen ist. Und sie verlässt Peters, ihre große Liebe, mit dem sie zuletzt eher nebeneinanderher als zusammengelebt hat. Mit Tochter Bettina fährt sie zurück in das thüringische Dorf, aus dessen Enge sie vor zwölf Jahren geflohen ist. Was hofft sie hier zu finden? Riskiert sie zu viel auf ihrer Suche? Doch für Karen steht fest: Sie muss den Schritt ins Ungewisse, Offene wagen, will sie wirklich leben.
Ein Roman, der durch die DDR-Zensur in Vergessenheit geriet - die Wiederentdeckung einer beeindruckenden Autorin und Zeitzeugin, die zu Christa Wolfs sogenannter »Weiberrunde« gehörte.
Enthält ein Interview mit der Autorin, im Gespräch mit Carsten Gansel
Besprechung vom 03.01.2026
Und nicht nach dem Westen schielen
Eine Wiederentdeckung nach mehr als fünfzig Jahren: Gerti Tetzners Roman "Karen W." ist ein Sonderfall in der deutsch-deutschen Literaturgeschichte: Er erzählt von der DDR ohne kapitalistisches Gegenmodell. Ihr zweites Buch durfte die Autorin dann nicht mehr veröffentlichen.
Eine Frau liegt wach. Neben ihr schnarcht ein Mann. Sie weiß, jetzt, noch in dieser Minute, muss sie aufbrechen. In ein anderes Leben. "Zeitschriften neben den aufgeklappten Koffern. Ungeöffnete Briefe. Das feuchte Badezeug im Beutel. Ich hätte seine Sachen erst auspacken und waschen sollen, er kommt mit solchen Dingen nicht zurecht", sagt die Frau. Sie heißt Karen Waldau und ist die Tochter eines Nazis, an dem die Entnazifizierung ganze Arbeit zu leisten hatte. Karen stammt, wie die Autorin des Romans, aus einem Dorf in Thüringen. Sie hat als Einzige ihres Milieus eine höhere Schule besucht und arbeitet jetzt in der Stadt als Notarin. Mit ihrem Freund, einem Philosophiestudenten, hat sie eine Tochter.
Gemeinsam leben die drei in der Universitätsstadt L. - länger schon eher aneinander vorbei als miteinander. Denn Peters, so heißt der junge Philosoph, wird im Rahmen seiner Lehrtätigkeit zum Phrasendrescher. Sein früher so offenes Fragen, sein Forschen zum Beispiel zu den Revolutionären der Weltgeschichte verebbt: Szenen universeller Trostlosigkeit, die Gerti Tetzner in ihrem ersten Roman ausbuchstabiert.
Und wäre es nicht dem Klappentext zu entnehmen, würde man überrascht im weiteren Verlauf der Lektüre feststellen, dass sich dieses ausgelaugte Paar zu Beginn der Sechzigerjahre auf dem Boden der DDR befindet. Dass es nicht nur, wie bald klar wird, darum geht, dass man sich von einem Mann trennt, mit dem man nicht weiterkommt, sondern dass man überhaupt den Mut hat, etwas zu tun, das nicht dem Kollektiv dient, sondern dem privaten Bedürfnis. In der DDR-Literatur dieser Tage war das keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem war der Roman nicht nur im Westen, sondern auch im Osten enorm erfolgreich.
Gerti Tetzner, die zum engsten Kreis um Christa Wolf gehörte, hat, überspitzt gesagt, 1974 eine ostdeutsche Version des berühmten Nouvelle-Vague-Films "Le Mépris" geschrieben. Dort inszeniert Jean-Luc Godard ein Paar, gespielt von Michel Piccoli und Brigitte Bardot, dessen Liebe in Verachtung umgeschlagen ist, weil Piccoli sich einem amerikanischen Filmproduzenten an den Hals wirft - dem Feind des französischen Autorenkinos. Hier ist es nicht der Kapitalismus, sondern der Text-Book-Sozialismus, der aus Sicht der Hauptfigur Karen zu allgemeine Rezepte für die Probleme seiner Individuen hat.
Karen W. gibt zu Beginn des Buchs ihr Leben mit Peters auf, um mit der Tochter Bettina in ihr thüringisches Heimatdorf Osthausen zurückzukehren. Mit vierzehn hatte sie es verlassen, um eine Oberschule zu besuchen. Das hatte sie dem Dafürhalten eines benachbarten Bauern zu verdanken, der sich für sie eingesetzt hatte. Später, als sie nach L. ging, dachte sie oft mit Blick auf die heimischen Verhältnisse und ihre Jugendliebe Günter: "Und ich sah mir das Leben aller Frauen des Dorfes an, in dem meine Kindheit zu Ende gegangen war: fünfzig Jahre Schweine füttern, Suppe kochen und den Kindern die Nase putzen . . . Warum sollte ich so leben, bloß weil ich mit Günter leben sollte?"
In Osthausen hofft die zur Städterin Gewordene nun, wieder auf das Wesentliche zu stoßen. Handfest und bodenständig sind die Leute hier. Die Arbeit in der Genossenschaft verspricht gesellschaftlichen Fortschritt, aber auch ehrliche Arbeit, Verbundenheit mit der Erde, mit der man aufgewachsen ist. "Jetzt fahre ich den zweiten Monat mit Osthausener Bauern aufs Feld. Wie sie lege ich beim Aufrichten den Unterarm auf den Rücken. Ich handhabe die Forken wie sie und benutze beim Frühstück am Feldrand ihre Taschenmesser. Manche teilen mit mir Kostproben selbst eingelegter Gurken. Manche tuscheln hinter mir her. Ich höre nur, was ich hören will, und ich fühle mich wohl in diesem langen spätsommerlichen Herbst, wo das Laub wie für alle Zeiten still und leuchtend auf der Erde ruht."
Nicht ganz unschuldig an diesem Wohlgefühl ist der örtliche Tierarzt Steinert, der im Haus von Karens verstorbener Tante als Untermieter wohnt. Er macht Karen kurzerhand zur Assistentin, und so ziehen die beiden als Impf-Erotik-Ambulanz durch die ostdeutschen Dörfer. Am diesbezüglich schön sachlichen Ton hätte Uwe Johnson seine Freude gehabt. Er hatte die DDR, anders als Tetzner, ewig hadernd schon vor dem Bau der Mauer verlassen. Auch Tetzner bekam Schwierigkeiten mit dem Staat. Sie hatte sich gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann engagiert. Ihr zweiter Roman, "Die Oase", handelte von einer idealistischen Kindergärtnerin, die gegen staatliche Windmühlen kämpft. Das Buch war der Stasi ein Dorn im Auge und wurde vom Mitteldeutschen Verlag abgelehnt. Daraufhin schickte der Luchterhand Verlag einen Vertrag aus Westdeutschland.
In der DDR gab man Tetzner zu verstehen, dass sie ihre Sachen packen könne, wenn sie diesen Vertrag unterschriebe. Tetzner blieb. Der Westen war nie eine Option für sie gewesen. Sie hatte Freunde und eine Tochter im Osten. In einem der Neuauflage nachgestellten Interview berichtet die heute Neunundachtzigjährige, dass sie schon vorher aufgehört hatte, den Westen als das große Andere zu imaginieren. Alles, was man im Osten als Mensch ihrer Generation gesagt habe, sei nämlich sofort auf den Westen bezogen worden. Das sei furchtbar gewesen. Und deswegen habe sie eines Tages beschlossen: "Jetzt steigst du aus dem Boxring aus. Weil man im Boxring immer auf die Taktik des Gegners achten muss. Und dann werden einem die Gedanken des Gegners aufgezwungen, ob sie einen interessieren oder nicht."
Gerti Tetzner entschied, dass sie sie nicht interessierten. So handelt auch "Karen W.", anders als die Bücher von Johnson oder Wolf, nicht vom Westen. Er handelt vom Osten. Und von den Problemen der Akademiker, der Juristen, der Ärzte, der Landwirte, die teilweise noch aus einer anderen Zeit kommen - einer Zeit vor der Kollektivierung. Tetzners Buch über die Alltagsprobleme der Leute lässt Raum für Deutungen, die auch als Kritik an den Verhältnissen gesehen werden können, ohne aber gleich die große Systemfrage zu stellen.
"Karen W." erzählt von Generationenkonflikten, von Frauen, die sich in der Genossenschaft hochgearbeitet haben oder als Staatsanwältinnen keinen Zentimeter von einer meist lebensfernen Doktrin abrücken können. Durch ihre wortkarge Poetik der Andeutungen, die in Rückblenden und Ortswechseln ihr natürliches Versteck finden, gelingt es Tetzner, den Blick aufs Innere der DDR zu lenken. Hier kommt der Westen als Referenz tatsächlich nicht vor. Dafür kann man einer jungen DDR-Bürgerin, die ihrerseits ja noch von der Kriegsgeneration geprägt wurde, dabei zusehen, wie sie um eine Haltung in dieser Gesellschaft der neuen Menschen ringt - und diese für sich auch findet. KATHARINA TEUTSCH
Gerti Tetzner: "Karen W." Roman.
Aufbau Verlag, Berlin 2025. 398 S., geb.
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