
Ob in Ostberlin, Moskau oder Mecklenburg Helga Schubert erzählt in ihren Geschichten von Sehnsucht und Fernweh, von Aufbruch und Abschied, von Diktatur und innerer Freiheit. Lakonisch, präzise und voller Menschlichkeit geht sie dem Leben auf den Grund.
Vom Einverstandensein mit dem Leben - so, wie es ist
»Es gibt immer einen Ausweg in eine Rettung, es gibt immer einen Übergang in eine vorher unsichtbare unvorstellbare Lösung. «
Eine Frau flaniert in den frühen Achtzigerjahren nach Feierabend durch Ostberlin, weil sie einmal nicht als Erste zuhause sein möchte. In Moskau soll eine Schriftstellerin die Primaballerina Ulanowa portraitieren, wartet tagelang auf ein Treffen und erlebt dann Unverhofftes. Ein Kind atmet zum ersten Mal ein, eine Großmutter zum letzten Mal aus. Und eine Frau in den mittleren Jahren versucht, mit einer Krebsdiagnose umzugehen.
Von Sehnsucht und Fernweh, von Diktatur und innerer Freiheit, vom Menschsein und Menschbleiben erzählen diese Geschichten. So treffsicher, so lakonisch kann nur Helga Schubert dem Leben auf den Grund gehen.
»Helga Schubert ist eine Zuversichtsautorin. « Melanie Mühl, Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Leicht heißt nicht leichtgewichtig; das spürt man am nächsten Morgen, wenn die Sätze von Helga Schubert nachhallen. « Claudia Ingenhoven, hr2
»Die Ausbeute eines langen unbeugsamen Lebens. Anrührend und unverwechselbar. « Klara Obermüller, Neue Zürcher Zeitung
Besprechung vom 29.11.2025
Von der Lust am Morgen
Im Licht: Helga Schubert schildert in "Luft zum Leben" prägende Lebensübergänge
Von Melanie Mühl
Helga Schubert ist eine Zuversichtsautorin. Schon im Vorwort zu ihrem neuen Buch "Luft zum Leben" schreibt die fünfundachtzigjährige Bachmann-Preisträgerin: "Es gibt immer einen Ausweg in eine Rettung, es gibt immer einen Übergang in eine vorher unsichtbare unvorstellbare Lösung." Übergänge also - davon handeln die versammelten Erzählungen, Notizen, Gedichte und Erinnerungen der Autorin. Wie gelangt man von A nach B, ohne unter die Räder zu kommen? Wie bleibt man sich treu, wenn die DDR-Diktatur versucht, sich ins eigene Denken einzunisten? Wie lebt man seine Träume in einem eingemauerten Land, ohne sich selbst innerlich zugemauert zu fühlen?
Dramaturgisch herrscht in "Luft zum Leben" ein großes Durcheinander. Sehr frühe Texte folgen auf wenige Jahre alte Texte, unveröffentlichte stehen zwischen veröffentlichten. Die Zeitspanne reicht von 1960 bis 2025, das umfasst 65 Jahre eines ununterbrochen produktiven Schreibens. Doch hat man sich erst an die Zeitsprünge gewöhnt, fließt alles im schönen lakonisch klugen Schubert-Ton.
Im ersten Text, dem bislang unveröffentlichten Gedicht "Lebenstopf" aus dem Jahr 1960, heißt es: "Mein Topf Leben quillt über." Helga Schubert ist damals einundzwanzig Jahre alt, ein Jahr später wird die Mauer gebaut, und die junge Frau wird Geisel eines Systems, das sie nicht haben will. Die DDR wird zum Prüfstein. In ihrem Text "Die Diktatur ist die Täterin. Oder?" heißt es: "Ich habe keinen Tag lang, weder als ich in der Psychotherapie arbeitete noch nebenbei schrieb, noch als ich hauptberuflich schrieb und nebenbei Psychotherapie machte, die Gefährlichkeit dieser Dummheit und Geschmacklosigkeit und Verschlagenheit in der herrschenden Partei-Mafia unterschätzt." Ein Schlüsseltext dieses Buchs trägt den Titel "Das verbotene Zimmer". Er beginnt märchenhaft: "Dort bin ich geboren worden vor langer Zeit: in dem verbotenen Zimmer. Nun lebe ich in einer großen Wohnung mit vielen Zimmern und das verbotene ist eins von ihnen." Unterirdische Gänge existieren, und die Bewohner gehen hin und her, sie sitzen auf Fensterbrettern und warten auf den fliegenden Teppich. Das verbotene Zimmer ist bei Helga Schubert zweierlei: ein politischer Raum - der Westen mit seinen Verlockungen - sowie ein psychischer, von Sehnsucht und gleichzeitig Furcht gezeichneter Raum. Traum und Realität greifen im Text ineinander. Schubert beschreibt, wie sie mit achtunddreißig Jahren dank eines Dienstvisums nach Westberlin reist, zum ersten Mal seit siebzehn Jahren, mit Herzklopfen. Sie fühlt sich beobachtet, fremd. "Der Geruch der Menschen. Ich könnte sie mit verbundenen Augen aus uns herausriechen." Im Traum verfolgt sie die Angst, nicht rechtzeitig um Mitternacht wieder an der Grenze zu sein, zu spät zu kommen. Die Angst ist auch ein Teil ihres realen Lebens, weil sich diktatorische Räume unweigerlich in seelische Topographien einschreiben. Träume sind bei Schubert immer ein Echo der realen Bedrohung: "Im Traum wurde ich wegen des Schreibens entweder zum Tode verurteilt und stellte mich vergeblich geisteskrank oder ich versank im Moor. Ich habe mich eingemauert und beobachtet und in meinem Post- und Telefongeheimnis verletzt gefühlt." Helga Schuberts Erfahrungen der Mutterschaft indes haben etwas Zeitloses. Sie wird mit neunzehn Jahren schwanger und bekommt einen Sohn. Die Erkenntnis, dass ein Kind rund um die Uhr da ist, mag banal wirken, aber sie ist existenzerschütternd. Hinzu kommt bei Schubert die Scham, keine zärtliche Mutter gewesen zu sein, weil das Kind doch wie ein Arm gewesen sei. "Den streichel ich auch nicht, den hab ich." Eine der bittersten Passagen in "Luft zum Leben" ist die Geschichte "Ein Opfer der Literatur". Schubert erzählt darin, wie eine namentlich nicht genannte Schriftstellerin - es handelt sich um Christa Wolf - sie verrät und ihr Anvertrautes unmaskiert in die Welt posaunt: "Eine Schriftstellerin hat mich in ihrem letzten Buch beschrieben. Sie hat mich ihrem Werk geopfert. Gefesselt und geknebelt liege ich nun auf dem Altar." Aber Schubert verharrt nicht in der Opferrolle. Sie enttarnt in einem analytischen Ton die Perversion der einst nahen Autorin, die ihren Verrat mit der Notwendigkeit von Literatur begründet. Und so erzählt auch diese Geschichte von einem bewältigten Übergang, der Helga Schubert zwar verwundet, aber nicht gebrochen hat.
Helga Schubert: "Luft zum Leben". Geschichten vom Übergang.
DTV, München 2025.
288 S., geb.
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