Das berühmteste IAM (involuntary autobiographical memory) stammt wohl von Marcel Proust. Der Geschmack von Madeleine-Bröckchen im Tee löst mit einem Schlag Kindheitserinnerungen aus.
In seinem Buch Departure(s) klärt der Proust-Kenner Julian Barnes seine Leser allerdings mit unverhohlener Ironie darüber auf, wie die weltbekannte Episode wirklich zustande gekommen ist. Da seien zunächst keineswegs Madeleines im Spiel gewesen, sondern altbackenes Brot, dann ein Stück Toast ...
Bei Barnes selbst würden Kindheitserinnerungen kaum durch einen aufgeweichten Keks ausgelöst, meint er, eher schon durch den Geruch von Klebstoff, mit dem er als Kind Modellflugzeuge zusammenbaute, oder an den Geruch eines feuchten Golden Retrievers.
Barnes geht der Frage nach, wie zuverlässig Erinnerung ist, wie Erinnerung einen Menschen ausmacht, wie Erinnerung Literatur wird, wie man mit Erinnerungen als Schriftsteller umgeht. Mit Proust und dem innigen Zusammenhang von Erinnerung und Identität beginnt und endet das letzte Buch des achtzigjährigen Schriftstellers. Er hat kurz vor dem Covid-Lockdown die Blutkrebsdiagnose erhalten, eine Krankheit, an der er nicht sterben wird. Beherrschbar, sagen die Ärzte. Also noch Zeit, bis das Unvermeidliche eintritt, das Universum seine Arbeit macht (wie er den Tod nennt).
Sein Buch heißt auf deutsch "Abschied(e)", eigentlich eine unzureichende Übersetzung des Begriffs "departure", der auch so viel heißen kann wie Abreise, Aufbruch, Neubeginn, Abweichung. Es ist ein Abschied von seinen Lesern, denen er am Ende (obwohl er kein didaktischer Autor sein will) mitgibt: "No, dont stop looking." Ein zweifellos besserer Abschluss als die letzten Worte des ersten Lord Grimstone, den er augenzwinkernd als Beispiel für Abschiedsworte zitiert. "We are low on marmalade."
Man könnte den Titel (wie gesagt) auch mit "Abweichung" oder "Abschweifung" übersetzen, denn das ist es, was Barnes tut, obwohl er immer zu seinem Thema zurückkehrt. Denn das Buch ist kein Roman, sondern Autobiographie, Romanfragment, Essay. Eine Mischform, die Barnes sehr mag. Mittendrin steht die Geschichte einer Liebe, von der uns Barnes glauben macht, es habe sie wirklich gegeben. Es ist eine Liebesgeschichte mit einem großen Loch (40 Jahre) in der Mitte und mit einem Ende, das sich nicht an literarische Handlungsgerüste hält, keine Tragödie mit gutem Ende (oder umgekehrt). Für mich ist dieser Teil ein wenig zu überfrachtet, aber es ist die Variation des Lebensthemas von Julian Barnes, hier in knappster Form verdichtet: 158 Seiten.
Zum Ende hin geht es um Aufbrüche. Die werden bei Barnes aber ironisch gebrochen, wenn er von früherer "Poetry of Departures" erzählt. Beispielweise, von der Weltsehnsucht des einstmaligen Poet Laureate Philip Larkin, der gesagt hat: "I wouldnt mind seeing China if I could come back the same day." Seine eigene "bucket list" ist auch nicht so abenteuerlich: noch einmal europäische Städte sehen, aufs Meer und die Berge schauen, noch einmal große Romane lesen und einen Abschiedsbesuch bei großen Kunstwerken machen.
Da kann das Universum ruhig noch ein bisschen warten, "just the universe doing its stuff."
Ein lakonischer, ein bisschen trauriger, manchmal sogar lustiger Abschied und eine anregende Lektüre.