Man wird nicht Schriftsteller, indem man sich im Spiegel betrachtet. Die Geschichten beginnen, wenn man durch ihn hindurchgeht. (S. 214)
Mit "Trag das Feuer weiter" legt Leïla Slimani (übersetzt von Amelie Thoma) den dritten Band ihrer Familienroman-Reihe vor, erschienen beim Luchterhand Verlag. Der Roman erzählt von einer marokkanisch-französischen Familie zwischen Casablanca, Rabat und Paris. Von Eltern und Töchtern, von Migration, Anpassung und dem schmerzhaften Wunsch nach Freiheit. Auch ohne die vorherigen Bände gelesen zu haben, lässt sich dieses Buch eigenständig lesen, wenngleich ich jetzt rückblickend empfehlen würde, ganz vorne zu starten.
Meine Meinung
Das Zentrum der Geschichte bilden vor allem Mehdi, Aïcha und ihre Töchter Mia und Inès. Slimani zeichnet ihre Figuren mit großer psychologischer Tiefe und sprachlichen Wucht, besonders dort, wo es um Erwartungen, Geschlechterrollen und das ständige Aushandeln von Zugehörigkeit geht. Mich hat vor allem gecatcht, wie sehr sie Freiheit körperlich und emotional denkt: Freiheit, überlegte er, schreibt sich in den Körper ein, in die Muskeln, die Bewegungen. (S. 177)
Gleichzeitig ist das Buch schonungslos in der Darstellung von Konformität, Schweigen und Heuchelei: innerhalb der Familie ebenso wie gesamtgesellschaftlich. Das zeigen die vielen Passagen über das Nicht-Sagen-Dürfen, das bewusste Weglassen ganzer Lebensrealitäten wie bspw. hier: Ihre Eltern waren Heuchler, und es beschämte Mia, festzustellen, dass sie nicht frei waren. [...] Nicht beschreiben, wie wir leben, was wir essen, trinken, sagen und woran wir glauben. [...] Niemals über den König reden, die manipulierten Wahlen, weder den Namen Oufkir aussprechen noch den des Straflagers dort unten im Süden des Landes. [...] Ihre Eltern hatten akzeptiert, in dieser moralischen Verwirrung zu leben, sie hatten sie an ihre Kinder weitergegeben, und Mia wusste jetzt, dass sie ihr niemals helfen könnten, die Frage >>Wer bin ich?<< zu beantworten. (S. 223/224)
Formal bin ich beim Lesen immer wieder kurz ins Stolpern geraten, weil die Erzählstimmen häufig wechseln, ohne klar gekennzeichnet zu sein. Kapitelüberschriften mit Namen hätten mir hier wahrscheinlich sehr geholfen. Mein Rettungsanker war tatsächlich das Personenverzeichnis am Anfang, ohne das wäre ich stellenweise verloren gewesen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass diese Schwierigkeiten wohl vor allem daher rühren, dass mir die beiden Vorgängerbände fehlen: Als Quereinsteigerin blieben einige Nebenfiguren für mich blasser, obwohl sich der Roman grundsätzlich auch eigenständig lesen lässt.
Trotzdem: Slimanis Sprache ist wunderschön, klug und voller Bilder. Besonders der titelgebende Moment, wenn Mehdi seiner Tochter zuruft, sie solle ihre Freiheit verteidigen und das Feuer weitertragen hat sich tief eingebrannt: Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter. (S. 237)
Fazit
"Trag das Feuer weiter" ist ein vielschichtiger, trauriger Roman über Identität, Familie, verlorene Träume und den Preis der Freiheit. Für alle, die literarische Familiengeschichten, postkoloniale Perspektiven und feministische Fragen mögen, aber nichts für Leser:innen, die eine klar geführte, lineare Erzählung erwarten. Mich hat das Buch trotz kleiner Kritikpunkte sehr beeindruckt und neugierig auf mehr gemacht. Danke an den Luchterhand Verlag und Vorablesen für das Rezensionsexemplar.