Wie kann man sich dem Thema Sterbehilfe nähern, urteilsfrei und ohne Wertung, aber doch mit einer (inneren) Haltung und im besten Falle kritischen Auseinandersetzung? Joost Oomen hat mit seinem Roman eine Betrachtungs-Möglichkeit aufgezeigt, die viel Raum für Überlegungen und Reflexion lässt.
In den Niederlanden ist die aktive Sterbehilfe generell auf Basis eines strengen Protokolls möglich. Eine entscheidende Rolle übernimmt der Sterbehilfearzt, der den todkranken Menschen die letzte, für sie erlösende Spritze, verabreicht. Theo Engel ist ein solcher Sterbehilfearzt, der schon zahlreiche Kranke und deren Angehörige auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Aber Theo selbst ist aktuell auch nicht ganz gesund. Er kämpft mit Depressionen und hadert mit seinem Leben und dem Weg, den es eingeschlagen hat. Ein Brief ist es dann, der Bewegung in den eher festgefahrenen Alltag bringt. Darin äußert der vollkommen gesunde Gerrit die Bitte um Sterbehilfe. Der Wunsch dahinter einfach und liebenswürdig wie auch herausfordernd (für Theo): Er hatte ein volles Leben, ein vollständiges, eines voller Schönheit; und möchte nun auch einen schönen Tod erleben.
In Rückblicken nimmt uns Gerrit mit in seine Vergangenheit und die zahlreichen schönen Momente. Wir erfahren aber auch vieles über Theo und seinen beruflichen Alltag. Sprachlich toll übersetzt von Lisa Mensing lernen wir zwei Männer kennen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Lebensbejahend, leidenschaftlich der eine; festgefahren, nahezu stoisch der andere die kurzen protokollartigen Notizen zu seinen Patient:innen sprechen Bände.
Ein Buch, das erst dann seine vollständige Kraft entwickelt, wenn man den letzten Satz gelesen hat denn dann spätestens kommt der eigene Kopf zum Einsatz. Wie denke ich selbst über aktive Sterbehilfe, was wünsche ich mir vielleicht eines Tages für mich, für meine Liebsten? Was sagt mein Herz, mein Verstand, vielleicht auch mein Glaube dazu?
Ein Buch, das lange nachhallt, gerade weil das Thema darin so facettenreich ist und kein Richtig oder Falsch ermöglicht. Ein Buch, das ein großes gesellschaftliches Tabu diskutiert und auch Grenzen versetzt, denn Gerrit ist mit seinem Wunsch ein ungewöhnlicher Patient.