
Besprechung vom 08.04.2026
Die zitternde Mitte alles Lebendigen
Jens Soentgen folgt der Beschäftigung mit der Luft durch zweieinhalb Jahrtausende
Von den klassischen vier Elementen ist die Luft das am schwersten Fassbare. Auch als Thema eines Buchs. Als verflüchtigte es sich mit dem leisen Rascheln beim Wenden der Seiten immerfort in jenes unsichtbare Nichts und Alles, das uns umgibt und beim Atmen in Verbindung hält mit der Welt. Dem von der Chemie kommenden Philosophen der Stofflichkeit Jens Soentgen, der Materialität nicht rein materialistisch, sondern stets auch als etwas Gedachtes zu verstehen sucht und wiederholt schon über Wasser, Erde und Feuer geschrieben hat, muss diese Schwierigkeit von Anfang an sehr bewusst gewesen sein. Behutsam führt er in seinem Buch über unsere Alltagserfahrungen des Atmens, Riechens, Sprechens und Singens ans Thema Luft heran: lauter Aktivitäten, die neben der wissenschaftlichen Lufterforschung durch hoch spezialisierte Instrumente heute weiter bestehen und uns Adepten wissenschaftlicher Objektivität helfen sollen, aus dem Phänomen Luft wieder eine "zitternde Mitte" zu machen, die alle Lebewesen verbindet.
Als zu früheren Zeiten der kalte Boreas wehte oder der sanfte Zephyr säuselte, stand man noch luftigen Gottheiten gegenüber. Eine entscheidende Wende sieht Soentgen im sechsten vorchristlichen Jahrhundert kommen, als griechische Denker wie Anaximenes oder Diogenes von Apollonia die Luft zu einem Substrat machten, aus dem durch Verdichtung und Auflockerung alles andere entsteht. Mit der von Aristoteles formulierten Vier-Elemente-Lehre sei dieses "neue Luftdenken" dann bis zum Beginn der Neuzeit die Grundlage einer Kosmologie geblieben, die nicht mehr nur Urheber, sondern auch Ursachen anerkannte und statt mit göttlicher Vergeltung eher mit Kausalitäten rechnete. Als eine Entzauberung der Welt will der Autor diese sachliche Denkart jedoch nicht verstanden wissen, sondern vielmehr als ein Verhalten, das Fragen offenlässt und auf ein Außermenschliches achtet, das seinen eigenen Regeln folgt.
Denn darum geht es dem Autor in diesem Buch ganz offensichtlich: aus zweieinhalbtausend Jahren Luftdenken eine nicht einseitig versachlichte Naturwissenschaft zu gewinnen, sondern ein Wissen, das zugleich die physische Faktizität und das metaphysisch Dazugedachte im Blick behält. Seine bevorzugten Referenzen sind eher abgelegene Denker, wie der Stoiker Poseidonios aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, der die Luft als etwas Lebendiges mit einer auch geistigen Seite auffasste, das als Pneuma in die menschliche Seele einkehrt und beim Tod aus ihr wieder entweicht. Ein anderer wichtiger Zeuge ist für Soentgen der 1493 geborene Arzt und Kurpfuscher Paracelsus, der die Luft als eine zwischen Gestirnen und Erde alles einhüllende "stofflich-unstoffliche Umgebung" verstand und eine Art "ökologischer Elementenlehre" vertrat, indem er beispielsweise besondere Krankheiten der Bergleute statt auf unterirdische Geister vielmehr auf die in den Stollen eingeatmete Luft zurückführte.
Wichtig war für den Autor dann weiter der Schritt, mit dem - etwa dank des niederländischen Arztes Johann van Helmont - im 17. Jahrhundert die Luft nicht mehr als homogenes Element, sondern als Gemisch aus verschiedenen Gasen erkannt wurde. An manchen Orten, etwa in Bad Pyrmont bei Paderborn, wurde man auf gewisse Strömungen - Kohlendioxid - aufmerksam, die unterirdisch aus der Erde aufstiegen. In der Grotta del Cane bei Neapel wusste man mit Hunden, die beim Herumschnüffeln in der Höhle in Ohnmacht fielen und draußen an der frischen Luft wieder aufgepäppelt wurden, daraus sogar eine Attraktion für Neugierige zu machen. Luft war also in Bestandteile zerlegbar, was wiederum zur Frage führen mochte, was nach deren Abzug zurückbleibe. Ein Vakuum? Tüftler lieferten mit ihren Experimenten die Antwort. So saugte Otto Gericke mit seiner Luftpumpe aus zwei Kupferkugelhälften die Luft ab, ließ Pferde an die beiden Halbkugeln spannen und so lang erfolglos daran ziehen, bis er mit dem Finger ein kleines Ventil öffnete und die beiden Hälften von allein auseinanderfielen. Solche Experimente wurden entscheidend auch für die moderne Meteorologie, die das Wetter nicht mehr von den Sternen, sondern von den atmosphärischen Druckunterschieden abhängig macht.
Die große Zeit für die naturwissenschaftliche Luftforschung sieht Soentgen in den drei Jahrzehnten zwischen der Wiederentdeckung des Sauerstoffs 1772 durch Carl Scheele (nach John Mayow) und der überarbeiteten Zweitauflage von Schellings "Ideen zu einer Philosophie der Natur". Sauerstoff, Wasserstoff, Methan, Stickstoff gehörten zu den damals bekannten Gasen. Ein eifriger Experimentator mit ihnen war der Naturforscher, Literat und Satiriker Georg Christoph Lichtenberg. Er verbrauchte große Mengen von präparierten Schweinsblasen, sofern diese Ware während des Wurst-Monats November nicht gerade allzu knapp wurde.
Schwierig ist es bei einem so weitläufigen Thema vor allem, sich nicht in alle möglichen Richtungen treiben zu lassen. Zwischen Wissenschaftsgeschichte, philosophischer Analyse, mythologischen, literarischen, kunsthistorischen Seitenblicken und allerlei Anekdoten folgt Soentgen den feinsten Lüftchen seiner Inspiration. Was immer von nah oder fern mit dem Thema zu tun hat, wird im Detail erfasst. Das führt im Buch mitunter durch ausgedehnte Assoziationsdünste. So kam Herder in seinen sprachphilosophischen Überlegungen gewiss gern auf das Thema der Luft zu sprechen und verstand sich mit Gedankenbildern wie "Himmels-Athem" geschickt zwischen Natur und Geist in der Schwebe zu halten. Das macht aus ihm aber wohl nicht unbedingt den "Aerosophen", den Soentgen in ihm sehen will. Auch Aussagen wie die, dass bei den Brüdern Alexander und Wilhelm von Humboldt die Luft als Begegnungsraum "enteinzelt", oder seltsame Wortklangverschmelzungen wie jene von "Luft" und "Licht" - "zwischen dem Licht und der Luft steht das Lüftchen; das ü ist ein Übergang zwischen dem hohen i und dem dunklen u" - wirken im Buch wie vorbeiziehende Spekulationswolken.
Anregend erweist sich der Autor besonders dort, wo über dem weithergetragenen Material Zusammenhänge und Perspektiven skizziert werden. So etwa, wenn hinter der kontinuierlich steigenden Auf-und-ab-Bewegung der sogenannten Keeling-Kurve, die den jahreszeitlich schwankenden Kohlendioxidanstieg in der Erdatmosphäre anzeigt, plötzlich die Idee der alten Stoiker von der Erde als einem ein- und ausatmenden Lebewesen sichtbar zu werden scheint. Mit seinem mehr angedeuteten als ausgeführten Entwurf eines ökologischen Naturwissens bemüht sich Jens Soentgen jedenfalls im Zeichen der Luft, diesem Gemeingut, das selbst im dichtesten Stadtgebiet über Nacht das Wunder der Selbsterneuerung vollbringt, etwas Zuversicht zu spenden, wo die Wissenschaft uns heute kaum noch hoffen lässt. Morgenluft. Fenster auf! "Ahhh ..." Schön wär's. JOSEPH HANIMANN
Jens Soentgen: "Luft". Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel.
C. H. Beck Verlag, München 2026.
302 S., Abb., geb.
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