
Besprechung vom 14.03.2026
Land und Leute am seidenen Faden
Todtraurig, irrsinnig komisch: Rabih Alameddine erzählt von dem Glück, sich inmitten des Krieges in Libanon in einem Kellerverlies hinzugeben.
Von Lena Bopp
Wie bei vielen Schriftstellern und Künstlern seines Landes lässt sich auch der Lebensweg von Rabih Alameddine als eine Migrationsgeschichte erzählen, die ihn zum Kosmopoliten gemacht hat. Zur Welt kam Alameddine 1959 als Sohn einer libanesisch-drusischen Familie in Jordanien, aufgewachsen ist er in Kuwait, Libanon und England, bevor er zum Studium nach Kalifornien zog, wo er noch heute in San Francisco lebt, wenn er seine Zeit nicht in Beirut verbringt. Beirut war schon immer voll von Leuten wie ihm. Von Menschen, sie müssen gar keine Künstler sein, die der Bürgerkrieg einst in alle Ecken der Welt vertrieb, von wo aus sie schön regelmäßig in die Heimat zurückkehren, ganz gleich, welche Katastrophe das Land gerade heimsucht. Nicht zufällig gehören der libanesischen Diaspora weit mehr Menschen an, als das kleine Libanon Einwohner zählt.
Rabih Alameddine gehört zu dieser Diaspora, und wie stets, wenn einer der Ihren es im Ausland, zumal im Westen, zu Ruhm und Anerkennung gebracht hat, ist man in Libanon besonders stolz, auch auf ihn. Die Bücher von Alameddine liegen in den Buchläden von Beirut immer auf den vordersten Tischen. Dabei hätte einer wie er, wäre er geblieben, es nicht leicht gehabt in diesem Land, das sich zu Recht zwar liberaler als seine levantinischen Nachbarn nennen darf, das den Angehörigen sexueller Minderheiten aber doch stets nur einen kleinen Raum zugestand. Ein paar Viertel hier und dort, ein paar Nachtclubs, Bars und Cafés. Alles andere hatte (und hat) hinter verschlossenen Türen zu bleiben.
Folgerichtig sind auch die Türen in dem neuen Buch von Rabih Alameddine oft verschlossen, wenn nicht gar abgesperrt, und wenn sie doch offen sind, dann nur, weil jemand anderes als der Ich-Erzähler sie meist gegen dessen Willen aufreißt. Der Roman "Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)" ist erst das zweite Buch von Alameddine, das in deutscher Übersetzung (aus dem Englischen) erscheint, und es erzählt, wie der ziemlich wortgetreu übertragene Titel nahelegt, eine autobiographisch grundierte Geschichte. Radscha, der Ich-Erzähler, ist um die sechzig Jahre alt, ein Junggeselle. Er unterrichtet Philosophie an einer der guten französischen Schulen Beiruts und muss sich die kleine Wohnung mit seiner Mutter teilen, seitdem diese von ihrem ältesten Sohn, Radschas Bruder, um all ihren Besitz gebracht wurde. Die Mutter ist das Gegenteil von Radscha. Sie ist neugierig, extrovertiert und übergriffig; er ist verschwiegen, verträumt und gern allein. Mit ihr dringt das Chaos etwa in Gestalt von Madame Taweel ins Haus, Patin der Generatorenmafia, die sich in einer gewaltsamen Nacht-und-Nebel-Aktion die Hoheit über den Dieselgenerator des Viertels und damit dessen Stromversorgung unter den Nagel gerissen hat und in Radschas Mutter eine gute, ihre beste Freundin findet. Und es gilt für Radschas Tante sowie deren Tochter, die ihm beide, als sich abzeichnete, dass ein homosexueller Mann aus ihm werden würde, das Leben zur Hölle gemacht hatten.
Auch bei Rabih Alameddine ist Libanon ein Land, das seinen Bewohnern keine Ruhe gönnt. Er verortet seinen Roman zunächst in der jüngeren Vergangenheit und versieht die ihr gewidmeten, etwas kürzeren Kapitel mit den Namen der drei großen Katastrophen, die Libanon zuletzt heimsuchten: dem Bankenkollaps, der, einem mafiösen Zusammenspiel von Politikern und Bankern geschuldet, die Libanesen um ihre Ersparnisse brachte, der Covid-Pandemie und der Hafenexplosion, der angeblich größten nichtnuklearen Explosion der Weltgeschichte, die Hunderte Menschen tötete, Tausende verletzte und die halbe Stadt zerstörte. Das alles innerhalb eines Jahres.
Zu ertragen ist es nur mit Humor. Alameddine bricht die Schwere der Ereignisse mit einer sehr libanesisch anmutenden Mischung aus Sarkasmus und Slapstick. Einem Festhalten, aus Trotz und Nostalgie, an Dingen, die man sich weigert untergehen zu lassen - bei Radscha steht dafür metaphorisch der riesige, ein gutes Dutzend Gäste fassende Esstisch, den irgendein bäuerlicher Vorfahre der Familie einst unter Aufbietung all seines Könnens und seiner Ersparnisse gefertigt hatte und der lange Jahre das Epizentrum familiärer Zusammenkünfte bildete. Diese Zusammenkünfte waren für Radscha zwar meist eine Qual. Und der Tisch ist viel zu groß für seine Wohnung. Trotzdem verfügt er, dass dieser Tisch nicht verkauft werden dürfe, sondern in seinem Wohnzimmer zu stehen habe, wo sich jeder bäuchlings an ihm vorbeischieben muss. Er erzähle, sagt Radscha einmal, "aus der Erinnerung und von den Dingen, die die Erinnerung erschafft".
Bezeichnend ist dabei, dass ihm nicht in den Sinn kommt, die eigentlich größte Katastrophe seines Lebens als solche auch zu beschreiben. Rabih Alameddine widmet ihr das längste, fast hundert Seiten zählende Kapitel im Mittelteil seines Romans, in dem er in der Zeit zurück ins Jahr 1975 springt, als in Libanon der Bürgerkrieg ausbrach. Gleich zu Beginn dieses Krieges gerät Radscha in einen missglückten Entführungsversuch, bei dem zwei seiner Klassenkameraden getötet werden. Er selbst wird monatelang in einer fensterlosen Kellerwohnung festgehalten, was eine Qual, aber auch seine Rettung und sogar ein Erweckungserlebnis ist. Das Kapitel "(1975) Der Bürgerkrieg" bildet den Glutkern der Geschichte, weil es ausgerechnet sein Entführer Budi ist (auch er eigentlich ein Schulkamerad), der den heranwachsenden Radscha erleben lässt, was homosexuelles Begehren ist. "Scham und Freude verzehrten mich." Budi kämpft für irgendeine Miliz. Er kommt und geht stets schwer bewaffnet, bringt aber immer Essen, Bücher und einmal eine streunende Katze mit, die Radscha bis zum Ende ihrer Tage Gesellschaft leisten wird. Ein paar Sommermonate lang bildet dieser Keller im Krieg somit ein Gefängnis, aber eines, das sich langsam der Zeit enthebt und eine sonderbare Kapsel bildet, in der sich zwar alle Widersprüche des Lebens in diesem Land verdichten, aber eben auch auflösen. Kein Zufall, dass die eigentlichen Schwierigkeiten für Radscha erst beginnen, als es ihm gelingt, aus dem Keller zu fliehen.
Diese Flucht trägt komödienhafte Züge, wie vieles andere bei Rabih Alameddine auch. Seine Figuren sind überzeichnet. Allen voran die Mutter, mit der Radscha eine von allerlei skurrilen Ritualen zusammengehaltene Hassliebe verbindet. "Fick deine Mutter", ist etwa einer ihrer Lieblingssätze, wenn sie ihr missliebige Diskussionen beenden möchte. Und das ist nur ein Beispiel für die oft auf Pointen geschriebenen Dialoge, die Alameddines Buch durchziehen.
Es erzählt eine todtraurige und irrsinnig komische Coming-of-Age-Geschichte aus einem Land, das seinen Menschen eigentlich nie viel Zeit für persönliche Entwicklung zugesteht. "Ich fragte mich", meint Radscha einmal, "wie es wäre, einer Kultur anzugehören, die nicht chaotisch war, in der alles seine Ordnung hatte und einem Zweck diente." Aber wir dürfen annehmen, dass die Antwort auf diese Frage ihn und seinen Schöpfer eigentlich langweilen würde.
Rabih Alameddine: "Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)". Roman.
Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Verlag C. H. Beck, München 2026. 350 S., geb.
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