Ein super Einstieg in die Neurolinguistik
Das Buch beginnt mit einem Oktopus. Julia Mailänder ist seit zwanzig Jahren Vegetarierin, als ihr an einem Abend in Baden-Baden jemand ein Stück Tintenfisch hinhält und ein einziges Wort sagt: Mutprobe. Sie isst. Zwei Jahrzehnte Überzeugung, weggewischt von einer Silbe. Dieser Moment, den Mailänder selbst erzählt, ist das perfekte Eröffnungsbild für ein Buch, das genau diesem Phänomen nachspürt: der unheimlichen Macht von Wörtern über das, was wir denken, fühlen und tun.Das Buch besteht aus 42 kurzen Kapiteln, von denen jedes eine bestimmte Dimension von Sprache auffaltet. Wie entsteht ein Wort? Warum reden wir anders, wenn wir verliebt sind? Was passiert im Gehirn beim Erlernen einer Fremdsprache und warum verändert eine zweite Sprache tatsächlich etwas an der Persönlichkeit? Wie funktionieren Werbung, Manipulation und politische Rhetorik über Sprache? Was machen Chatbots mit unserem Verständnis von Empathie und Kommunikation? Das sind keine akademischen Randthemen, sondern Fragen, die jeden Tag für jeden von uns relevant sind. Was Mailänder dabei gut gelingt, sind sowohl Ton und Struktur. Spektrum der Wissenschaft beschrieb das Buch als zugänglich und unterhaltsam, mit Sinn für pointierte Beispiele. Das finde ich absolut zutreffend. Die kurzen Kapitel, die jeweils mit einer knappen Stichpunktübersicht beginnen, lassen sich einzeln lesen. In meinem Fall gefühlt zu jeder freien Minute. Ich hab in der Mittagspause, im Zug, vor dem Einschlafen und während der Kaffee kochte. Ich werde viele der Kapitel auch erneut lesen und ich habe viel gelernt. Diese Form finde ich eins super Sache, weil sie das Buch noch einladender macht, als es so schon ist. Ich glaube, dass das Buch bewusst breit angelegt und episodisch strukturiert wurde, damit es eher zum ersten Staunen einlädt, als vor einem Studium abschreckt. Wer also schon fortgeschritten ist auf dem Feld der neurolinguistischen Fragestellungen könnte an manchen Stellen einen gewissen Tiefgang vermissen. Die Kapitellängen und die Gewichtung der Themen sind auf Entdeckungsfreude ausgelegt, nicht auf systematisches Verstehen. Wer das weiß, wird nicht enttäuscht. Daher würde ich das Buch allen empfehlen, die Sprache als das verstehen wollen, was sie ist: ein tägliches Werkzeug. Und die ihren Werkzeugkasten gut sortiert in Schuss halten, und wissen wollen, was sie damit anfangen können und wie. Wer wissenschaftliche Stringenz und Tiefe sucht oder eine erschöpfende Darstellung des Themas, greift besser zu Fachliteratur. Aber als kurzweiliges, kluges und überraschendes Buch, das die eigene Aufmerksamkeit für Sprache dauerhaft schärft, ist es kaum zu schlagen.