Wild, laut und schön, unglaublich schlagfertig und szenisch
Die Kindheit von Layla und ihrem Bruder Nouri ist wild, leicht und leuchtend schön.Der irakische Vater spinnt Abenteuergeschichten und stürzt sich selbst von einer sagenhaften Geschäftsidee in die nächste. Er verspricht nichts weniger als Luxus und die große, weite Welt. Es wird Häuser geben in New York, Los Angeles, und natürlich ein Haus mit Rutsche in den Tigris.Die Mutter ist sein Gegenpol. Sie stammt aus der französischen Bohème, rebelliert durch Heirat und besticht dennoch durch berauschende Eleganz. Die gemeinsame Irak-Reise wird zum Höhepunkt einer bunten Kindheit und gleichzeitig ihr Ende. Die Geschäftsideen scheitern, der Golfkrieg bricht aus. Das fortan unerreichbare Heimatland des Vaters wird der Inbegriff der Angst und der Lähmung, die sich über die Familie legt. Es ist das Ende der Träume.Ironisch, bittersüß, todtaurig und voller Liebe erzählt Layla ihrer Psychotherapeutin im Rückblick von einem Vater, der an sich selbst scheitert und einer Tochter, die sich schämt, erfolgreicher zu werden, als der Held ihrer Kindheit. Im Rückblick schiebt sich die Erkenntnis vor die Erinnerung,Safia Al Bagdadi schreibt brillant. Mit bühnenreifen Dialogen, selbstironischen Reflexionen und filmreifen Szenen entsteht die Geschichte eines Aufwachsens zwischen den Kulturen. Sie spürt der Frage nach, wie Identitäten und Zugehörigkeiten sich in der Diaspora verschieben, wie die Liebe zum unerreichbaren Heimatland die Weltanschauung verschiebt. Es steckt viel drin in diesem Roman. Er hält den Finger auf Missstände der Gesellschaft, spielt mit kulturellen Differenzen und mit klassischen Stereotypen, beschreibt eine Kindheit, die vor dem Hintergrund der 1980er Jahre aus dem Raster fällt und bleibt dabei eine traumhaft schöne Familiengeschichte mit all ihren komplizierten Facetten, weit verzweigten Wurzeln und emotionalen Fallstricken.