Ich wusste überhaupt nichts. (S. 125)
Mit Safia Al Bagdadis Roman "Unser Haus mit Rutsche", erschienen im Hanser Verlag, liegt ein Familienroman vor, der zwischen Saarbrücken, Bagdad und Paris gespannt ist. Im Mittelpunkt steht Layla, die als Erzählerin auf ihre Kindheit zwischen irakischem Vater und französischer Mutter zurückblickt eine Kindheit voller großer Versprechen, kultureller Reibungen und politischer Umbrüche, die sich zunehmend in die familiäre Realität einschreiben.
Zum Inhalt
Der Einstieg in die Geschichte wirkt zunächst leichtfüßig, fast verspielt: Laylas Vater entwirft Zukunftsvisionen voller Größe und Möglichkeit, während die Familie in einem fragilen Gleichgewicht zwischen Herkunft und Hoffnung lebt. Doch diese Leichtigkeit trägt eine Spannung in sich, die sich mit dem Ausbruch des Golfkriegs 1991 zunehmend verschiebt. Die familiäre Dynamik verändert sich, und aus dem glamourösesten Liebespaar Saarbrückens wird ein Konstrukt, das von Realität und Geschichte eingeholt wird.
Meine Meinung
Was mich beim Lesen besonders beschäftigt hat, ist dieser Bruch zwischen Erinnerung und Erkenntnis. Layla erzählt rückblickend, und genau dadurch entsteht eine Distanz, die gleichzeitig schützt und schmerzt. Ich hatte das Land meines Vaters besucht, aber es war gar nicht mehr sein Land gewesen. (S. 206) dieser Satz fasst für mich viel von dem zusammen, was das Buch trägt: die Erfahrung, dass Heimat kein stabiler Ort ist, sondern etwas, das sich verschiebt, verliert, neu zusammensetzt.
Gleichzeitig bleibt die Perspektive stark auf den Vater und seine inneren wie äußeren Kämpfe fokussiert. Das führt zu intensiven, emotional aufgeladenen Momenten, etwa in der Konfrontation mit Geschichte und Gewalt. Diese Szenen sind eindrücklich, wirken aber manchmal wie lose Fragmente, die weniger eine durchgehende Dramaturgie bilden als vielmehr Erinnerungsinseln.
Erzählerisch arbeitet der Roman mit einem ruhigen, stellenweise fragmentierten Stil. Die vielen kurzen Sätze und gedanklichen Einschübe haben mich manchmal in meinem Lesefluss gestört. Gleichzeitig liegt aber genau darin auch ein realistischer Zugriff auf Erinnerung: nicht linear, nicht glatt, sondern tastend.
Inhaltlich überzeugt mich das Buch besonders dort, wo es Migration, Zugehörigkeit und familiäre Projektionen miteinander verwebt. Die Zerrissenheit zwischen Herkunft und Gegenwart wird spürbar, ohne dass sie je vollständig aufgelöst wird. Gleichzeitig blieb bei mir der Eindruck, dass das erzählerische Potenzial nicht in allen Teilen konsequent ausgeschöpft wird und die Spannung zwischen den Zeitebenen unterschiedlich stark trägt.
Fazit
"Unser Haus mit Rutsche" ist ein ruhiger, reflektierter Familienroman über Herkunft, Illusionen und die Brüche politischer Realität im Privaten. Besonders geeignet für alle, die sich für Migrationserfahrungen, Identitätsfragen und familiäre Erinnerung interessieren. Weniger passend ist das Buch für alle, die eine klar getriebene, spannungsorientierte Handlung erwarten. Hängen bleibt vor allem die Frage, wie schnell aus Versprechen Geschichte wird und aus Geschichte Verlust. Vielen Dank an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar.