Dünn
Karsten Richter hat es geschafft. Endlich sitzt der Gas-Lobbyist auf den Stühlen der Macht. Morgen wird ihn der Kanzler zum Minister für Energiewirtschaft und Klimaschutz machen, bejubelt von der Presse: "Endlich einer mit Sachverstand!" Aber Karsten Richter hat ein Problem. Seine Mutter will ihn öffentlich als korruptes Charakterschwein demaskieren, doch wird sie wundersamerweise kurz vor der Pressekonferenz entführt. Ein Geschenk des Himmels? Karsten Richter muss sich entscheiden zwischen Familie und Karriere und natürlich wird er die richtige Entscheidung treffen. Wolfgang Schorlau hat in dem kurzen Büchlein alle Klischees aufgefahren, die man gemeinhin über Politik und Politiker hat: Gewissenlos, machtgierig, korrupt, manipulativ. So sind sie halt. Karsten Richter vertritt eine nicht genannte "konservative Partei" und natürlich sind deren Gegner alle ähnlich klischeehafte Lichtgestalten: Das Wohl der Menschheit im Blick, geradlinig, selbstlos, friedfertig. So sind die Links-Grünen halt. Schorlau charakterisiert Karsten Richter dagegen als machiavellistischen, rücksichtslosen Machtmenschen, dessen mitunter aufflackerndes Gewissen immer schnell gedämpft wird. Ein Hauptthema der Geschichte ist das Habecksche Heizungsgesetz, das Richter beseitigen und die eingesparten Fördermilliarden in die Gasindustrie lenken soll. Hier bemüht Schorlau allerdings einige hinreichend als falsch entlarvte links-grüne Narrative der Art "das Heizungsgesetz hat niemals Gasheizungen verboten". Stimmt, es war nur vorgeschrieben, dass neue Gasheizungen mit 65% regenerativen Energien betrieben werden. Im Gesetz stand also wirklich kein Verbot, es war nur faktisch unmöglich, noch eine Gasheizung in Betrieb zu nehmen. Das nannte man dann "technologieoffen". Es gibt noch andere Halbwahrheiten in Schorlaus Buch aus dem gleichen Dunstkreis und es wäre mir herzlich egal gewesen, wenn die (ebenfalls manipulativ zurechtgebogenen) Halbwahrheiten Karsten Richters nicht als moralisch verworfen und gewissenlos dargestellt worden wären. Das Messen mit zweierlei Maß ist leider eine links-grüne Paradedisziplin, und das hat mich auch dieses Mal wieder nicht überzeugt. Am Ende scheint es nur darauf anzukommen, die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit zu erreichen. Auf die Wahrheit ist gepfiffen, egal auf welcher Seite man steht, so die Moral, die ich aus der ziemlich simpel-boulevardesk gestrickten Geschichte ziehen will. Übrigens ist das dünne Büchlein durch ein sehr, sehr großzügiges Layout mit über 20 leeren Seiten noch viel dünner als man glaubt. Aber darin gleicht es sich dem Inhalt leider nur an.