
Ein großer amerikanischer Roman darüber, was uns zu denen macht, die wir sind
Der große Bestseller aus den USA - so ein Buch gibt es nur alle zehn Jahre! Ein Sommer in New York, der alles verändert. Ein Sohn auf der Suche nach seiner Herkunft. Und die große Frage: Was macht uns zu dem, was wir sind? Sie werden dieses Buch nicht aus der Hand legen können.
New York City, Silvester 1999. Lily Chen ist 22, Tochter chinesischer Einwanderer und unbezahlte Praktikantin in einem hippen Medienunternehmen. Als sie Matthew trifft - charmant, privilegiert, Erbe eines Pharmaimperiums -, verliebt sie sich. Zwei Welten prallen aufeinander. Und doch scheint alles möglich.
21 Jahre später lebt Lilys Sohn Nick mit ihr auf einer abgelegenen Insel. Er spürt: Etwas fehlt. Als er nach seinem Vater sucht, stößt er auf Geheimnisse, die alles verändern - nicht nur für ihn.
Besprechung vom 16.06.2026
Hier haben selbst die Gutgekleideten nicht immer schöne Wohnungen
Drei Romane in einem über Erfolgsstreben, Anpassungsdruck und umstrittene Reproduktionsmethoden im Land der Träume: Rachel Khongs "Real Americans"
Lily Chen wurde in New York geboren und wuchs in Florida als Kind politischer Flüchtlinge aus Peking auf. Dort war sie nie, spricht auch nicht Chinesisch und hat in New York Kunstgeschichte studiert. Mit dem Abschluss in der Tasche sucht sie nun einen Job. Darum steht sie als Bewerberin für ein Praktikum in einer langen Schlange. Bis jetzt hat sie nicht unbedingt Glück gehabt im Leben, und wirkliche Pläne für die Zukunft hat sie auch nicht. Das Geld für die Miete stoppelt sie in diversen Jobs zusammen, auch nach einem Sugardaddy hat sie schon mal Ausschau gehalten. Sie ist eine der vielen von Amerika Verschluckten, auch wenn sie früher besser war als andere Kinder. Inzwischen aber überkommt sie gar nicht so selten das Gefühl, nicht richtig hierherzugehören. Aber Lily kennt keine Alternative. Jetzt fühlt sie sich wieder falsch. Jerry, der für die Praktikantinnen im futuristischen Firmensitz aus Glas und Stahl verantwortlich ist, bevorzugt Blondinen mit runden Brüsten. Lily, die hier trotzdem probeweise in der Grafikabteilung unterkommt, stellt er als Koreanerin vor. Von einer Krankenversicherung rät Jerry seinen Praktikantinnen ab: Die sei zu teuer, und sie seien ja noch jung. Jerry hat die Macht, unbezahlte in bezahlte Stellen zu verwandeln.
Es ist die Zeit unmittelbar vor der Jahrtausendwende. Die Dotcom-Blase wird bald platzen und das World Trade Center nicht mehr lange stehen. "In dieser Stadt war jede Begegnung ein Geschäftsvorgang, der Geld kostete": In New York leben selbst die Gutgekleideten nicht zwangsläufig in lebenswerten Wohnungen. Lily sieht auf einem Firmenfest Matthew - blond, blauäugig, attraktiv und nur wenige Jahre älter als sie -, gibt ihm ihre Nummer und bekommt eine Einladung zum Essen. Von da an geht es schneller als schnell. Vom Tisch weg führt er sie zu einem Flieger nach Paris, unterwegs der erste Kuss, dem im Hotel der erste Sex folgt und nicht viel später der Einzug in seine Wohnung, die er teuer, aber nicht sonderlich geschmackvoll nach einem Katalog eingerichtet hat. Natürlich muss sie keine Miete zahlen, bekommt zudem monatlich eine anständige Summe überwiesen. Es folgen die Vorstellung bei seinen Eltern in Miami, die für Lily wie ein contest ist, sein Heiratsantrag und ein üppiges Hochzeitsfest, zu dessen illustren Gästen die Mutter der Braut im geborgt wirkenden Kleid nicht recht passen will.
Matthew ist Spross eines der größten und einflussreichsten Pharma-Clans des Landes. Bei einer der Familienstiftungen wird dieser Auserwählte in Amerika tätig sein und rund um die Welt jetten. Nach einer Fehlgeburt abermals schwanger, begleitet Lily ihn nach Peking, wo in einer Klinik unter dubiosen Umständen ihr Sohn Nick zur Welt kommt.
Auch die folgenden beiden Teile des zweiten Romans der in Los Angeles lebenden Rachel Khong behalten Tempo und erzählerische Kraft des ersten bei. "Real Americans" ist ein Familientriptychon, das über drei Generationen hinweg in erstaunlicher Tiefe und immer neuen Wendungen detailgenau um ethische Probleme im heutigen Amerika kreist. Fremdheit und Herkunft, Grenzen der Wissenschaft, humane Anmaßung, Fragen des unbedingten Fortschrittswillens und wie man inmitten von alldem seinen Platz findet, verteidigt und dann doch wieder verliert - all das behandelt die Autorin in ihrem page turner. Man liest gebannt, selbst wenn die breite Personage mitunter zur Unübersichtlichkeit auszufasern droht und Zeitsprünge die Orientierung erschweren. Man liest einen Roman, der unseren Zeitgeist, von dem wir immer weniger wissen, wie er eigentlich aussieht, einzufangen sucht.
"Man kann das Leben nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts": Kierkegaards Sentenz taucht irgendwann auf wie eine Leitplanke für dieses üppige Buch. Jeder der drei Teile ist wie ein Roman in sich, und doch sind sie quer durch die Generationen von Eltern, Kindern und Großeltern fein und gekonnt miteinander verknüpft, um ein großes und in sich schlüssiges amerikanisches Panorama zu ergeben. "Alle Menschen gleich erschaffen. 'Das ist der verdammte American Dream'", raunt einer der Chefs der Unternehmen, die an einer Vervollkommnung der medizinischen Versorgung arbeiten, dabei ethische Grenzen überschreiten und auf subtile und je andere Weise auf alle drei Generationen der Familie Chen einwirken.
Mai (oder May? Beide Schreibungen tauchen auf) redet sich ihre Flucht aus dem China der Mao-Zeit von der Seele. Sie berichtet, wie sie auf diesem Weg nicht nur ihre Heimat, sondern auch ihre Liebe verlor. Und später verliert sie auch ihre Tochter Lily, weil die zunehmend an ihrem von Marie Curie inspirierten Traum zweifelt, als Forscherin durch gesteuerte Vererbung das Schicksal lenken zu wollen.
Auch Nick, Lilys Sohn, wird Forscher werden und an pharmakologischen Therapien arbeiten, die ohne das Geld der Oligarchen undenkbar wären. Ihm ist der zentrale Teil der Romantrilogie gewidmet als famoses coming of age eines Einzelgängers: ein College-Roman im Roman, über erste Liebe, Vatersuche, Kipppunkte, Schlafstörungen und Seheinschränkungen, in dem von 'Black Lives Matter' bis Klimawandel alles aufscheint, ohne dass der Text je agitatorisch oder belehrend würde. Khong vertraut auf ihre Geschichten - zu Recht. ULRICH STEINMETZGER
Rachel Khong:
"Real Americans". Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 526 S., geb.
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