
Transkription ist ein smarter, witziger und wendiger Roman über uns und die Geräte, die unsere Gefühle, Erfahrungen und Beziehungen formatieren - und immer tiefer in das eingreifen, was wir für uns selbst halten.
Er reist an die US-amerikanische Ostküste, um das letzte Interview mit seinem neunzigjährigen Mentor Thomas zu führen, diesem überlebensgroßen Urgestein der Kunstszene, Vater seines besten College-Freundes. Vor dem Termin fällt ihm allerdings im Hotel das Smartphone ins Klo, und er kommt ohne Aufnahmegerät zum Interview. Was er aus Gründen, die ihm selbst nicht klar sind, nicht zugeben kann oder will.
Daraus entwickelt sich eine turbulente Geschichte mit bizarren Folgen, das emotionale Drama - nicht nur - dreier Männer, die mit der Frage kämpfen, was es heißt, in dieser unseren wackeligen Wirklichkeit (was ist das eigentlich, Wirklichkeit?), ein guter Freund, ein guter Vater und überhaupt ein guter Mensch zu sein.
Besprechung vom 14.03.2026
Es läuft ständig Musik, die wir nicht hören können
Eine kleine Blackbox: Ben Lerners neues Werk "Transkription" ist ein witzig-melancholischer Liebeserinnerungsroman.
Von Jan Wiele
Knapp zehn Jahre ist es her, dass Ben Lerner in einem Porträt in dieser Zeitung mit dem Satz zitiert wurde, vieles von dem, was heute als Literatur verkauft werde, erinnere ihn allenfalls an schlechtes Fernsehen. Der 1979 in Kansas Geborene stand damals schon einigermaßen quer zum Literaturbetrieb, zumal er von der Lyrik her kommt, und zwar einer nicht immer leicht zugänglichen. Was bei ihm "Roman" heißt, ist sehr reflektiertes Fernsehen, das sich zumeist der einfachen Nacherzählung entzieht und erst einmal interpretiert werden will. Lerner hat schon oft betont, dass er Erzählungen, auch scheinbar authentische oder für autobiographisch gehaltene, per se für Fiktionen hält. Er hat sich zudem essayistisch mit der digitalen Manipulierbarkeit von Wirklichkeit und historischem Wissen auseinandergesetzt: so etwa in seinem gewitzten, aber auch unheimlichen Text "The Hofmann Wobble", der 2023 in "Harper's Magazine" erschien. Das alles muss man nicht wissen, um Lerners neuen Roman zu deuten, aber es leitet auf dessen Thema hin: Das ist die zunehmende Abhängigkeit unserer Wahrnehmung, unserer Erinnerung und somit unserer Persönlichkeit von technischen Geräten. Wem das zu abstrakt klingt, der stelle sich folgende Situation vor - einen Albtraum für Journalisten: Man kommt zu einem wichtigen Interview mit einem Neunzigjährigen, das mehrere Stunden dauern wird, mit einem defekten Aufnahmegerät, verpasst aber die Gelegenheit, dies zuzugeben, und spielt daher die ganze Zeit vor, man nehme das Gespräch auf. So geschieht es dem Erzähler in diesem Roman, dem sein Handy im Hotelzimmer ins Wasser fällt, bevor er seinen Mentor aus lange zurückliegenden College-Zeiten in dessen Haus in Providence, Rhode Island, besucht. Der Mentor, Thomas, ist die schillernde Hauptfigur dieses Buches. Thomas ist Künstler, Hochschullehrer und Therapeut in einem, er scheint zudem über eine besondere Art der synästhetischen Wahrnehmung zu verfügen. Er wurde in Deutschland während der NS-Zeit geboren, biographische Details über ihn aber erfährt man wenige; dafür wird umso exzessiver sein Haus beschrieben. Die Wände darin sind "fast vollständig mit gerahmten Bildern unterschiedlicher Größe" bedeckt, darunter "drei verschiedene kleine Leinwände, die in jeweils unterschiedlichem Stil den sozialistischen Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Breschnew darstellten - eines abstrahierte den Kuss zu kubistischen Formen und Körpern, eines war in seinem Chiaroscuro geradezu caravaggesk. Das dritte zeigte eine Mischung aus Wirklichkeitsnähe und Unschärfe, die an Gerhard Richter erinnerte." Auf dem Boden stapeln sich Bücher von Emily Dickinson über Osamu Dazai bis zu Alexander Kluge (auf Deutsch und noch eingeschweißt, wie lustigerweise angemerkt wird). Wir zitieren die Beschreibung des Interieurs hier so ausführlich, weil ihre exquisite Detailversessenheit in einem interessanten Spannungsverhältnis zur geschilderten Erzählsituation steht: Gerade weil ihm die Möglichkeit fehlt, Fotos zu machen und das Gespräch aufzuzeichnen, werden die Sinne des Erzählers geschärft. Und mehr noch: Durch den erzwungenen "Digital detox"-Moment werden bei ihm auch Erinnerungen wieder wach, die weit über das Lehrer-Schüler-Verhältnis mit Thomas hinausgehen, und er erkennt: "Ich war nicht bloß zerstreut, ich war offline, ein Ausnahmezustand." In diesem Zustand rekapituliert er Gespräche mit Thomas über Kunst und Leben, aber auch seine eigene Beziehung zu einer Frau, mit der er inzwischen zusammenlebt und Kinder hat. Aus Flashbacks setzt sich sogar rudimentär eine spannende Campus-Liebesgeschichte vom Beginn des neuen Jahrtausends zusammen, die eine Intrige enthält. Aber auch die Aufmerksamkeit des Lesers wird schnell wieder zerstreut: Denn ebenso geht es, springend von Absatz zu Absatz oder auch von Zeile zu Zeile, zugleich um Träume, um erinnerte Theateraufführungen, um Höhlenmalerei, um die Evolution und deutsche Geschichte, um Kinder und Eltern und schließlich, frappierend beiläufig, um Thomas' Erwägung, demnächst das Angebot einer Firma namens Dignitas in Zürich zu nutzen: sozusagen everything everywhere all at once (was ja nicht nur der Titel eines jüngeren Films ist, sondern im Grunde das Thema der modernen Literatur seit Joyce, Woolf, Döblin und vielen anderen). Als roten Faden durch diese reizüberflutete Erzählung zieht Ben Lerner die Reflexion über die Bedingungen ihrer Entstehung: Im zweiten Kapitel gibt der Erzähler auf einer Tagung mit Kollegen, die Thomas auch kannten und verehrten, beiläufig zu, dass er kein Aufnahmegerät für das letzte Interview mit dem großen Meister dabeihatte, und löst eine Kontroverse aus: Wovon hören sie, wovon lesen wir dann die "Transkription"? Eine Teilnehmerin immerhin meint, Thomas wäre "begeistert gewesen von der Vorstellung, dass seine letzte veröffentlichte Äußerung unverlässlich ist". Das dritte Kapitel ist ein Roman für sich, einer über Krankheit, Liebe und Erziehung, und wird erzählt von Max, einem Sohn von Thomas. Es stellt den Vater noch einmal in ganz anderes Licht, beleuchtet etwa dessen Deformation, auf emotionale Fragen mit wissenschaftlichen Vorträgen zu reagieren. Oder mit parawissenschaftlichen - denn Thomas ist überzeugt: "Es läuft ständig Musik, die wir nicht hören können." Das ist zugleich eine Beschreibung des vorliegenden Romans, der Züge des Traums aufweist und auch solche eines langen Gedichts, das voller poetologischer Metaphern ist. Eine markante ist die "kleine Blackbox", von der mehrfach die Rede ist. Die Übersetzung dieses literarischen Blackbox-Kunstwerks durch Nikolaus Stingl ist nicht nur sehr gelungen, sie hat sogar Mehrwert gegenüber dem Original: Als Thomas den Erzähler im ersten Kapitel teils mit seinem Sohn verwechselt, markiert Stingl dies durch einen Wechsel zwischen "Du" und "Sie". Ein eigenes Thema schließlich wäre die Verflechtung der Erzählung mit Leben und Werk Ben Lerners, die an vielen Stellen deutlich wird. Und das Ganze ist sogar noch unterhaltsam! Im Lichte der eingangs erwähnten Veränderungen des Literaturbetriebs darf man vielleicht einmal sagen: Danke, Suhrkamp, dass es so was noch gibt. Ben Lerner: "Transkription". Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus Stingl. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 156 S., geb.
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