
»Die Rechnung ist noch offen« - unter diesem Titel hielt Amos Oz seine letzte große Rede im Juni 2018, ein halbes Jahr vor seinem Tod. Sie hat den Charakter eines Vermächtnisses, das er uns - seinen Millionen Leserinnen und Lesern in Israel, in Deutschland, in aller Welt - hinterließ. Es ging um Krieg und Frieden, um Israel und den Nahen Osten, die bedrohte Humanität und gefährdete Demokratie. Dieser Band versammelt Reden, die Amos Oz gehalten, Essays, die er geschrieben, Gespräche, die er im Laufe der Jahre geführt hat. Es geht um den Sechs-Tage-Krieg 1967, um die Kriege seither, den ungelösten Konflikt mit den Palästinensern. Amos Oz berichtet von seinen Reportagen im Landesinneren, stellt uns sein großes Epos Eine Geschichte von Liebe und Finsternis vor und erzählt die Bibel neu.
Dieses Buch lässt uns den großen Autor seines Landes neu entdecken.
Besprechung vom 12.06.2026
Vom Sturm in der Teetasse
Vom Radio-Studio über eine Siedlung im Westjordanland bis zur Universität von Tel Aviv: Ein Band mit Reden und Essays von Amos Oz
Von dem Moderator und späteren Dokumentarfilmer Chaim Yavin stammt die Beobachtung, dass die israelische Gesellschaft an politischem Interesse verloren habe: "Heute kann niemand leugnen, dass gegenüber grundlegenden theoretischen politischen Problemen ein beachtliches Maß an Gleichgültigkeit oder zumindest Unbekümmertheit herrscht." Das klingt fast wie eine Form der "News Avoidance", jener bewussten Abwendung von Politik, mit der sich die Vermeidenden vor vermeintlich negativen Gefühlen schützen wollen. Mit Blick auf die Schwierigkeit von Parteien, Vereinen und Lesezirkeln, Nachwuchs und Engagierte für sich zu gewinnen, klingt Yavins Analyse wie eine Gegenwartsbeschreibung.
Doch sie stammt aus dem Jahr 1964 und wurde im Rahmen des ersten Radiointerviews gemacht, das mit dem israelische Autor Amos Oz geführt wurde. Er war damals 25 und führte eine Diskussion über eine seiner frühen Erzählsammlungen. Dieses Gespräch im öffentlich-rechtlichen Sender "Kol Israel" bildet in transkribierter Form den Auftakt der jetzt im Jüdischen Verlag erschienenen Sammlung von Reden und Essays aus Oz' ganzer Lebenszeit. Sechzehn Texte finden sich darin, die die Historikerin Fania Oz-Salzberger, die Oz' Tochter ist, und Gafni Lasri Kokia aus dem Zeitraum von 1964 bis zum letzten Vortrag, den Oz im Juni 2018 an der Universität Tel Aviv hielt, zusammengetragen haben.
Die Anordnung der Reden und Essays, darunter die Rede von Chezwa, "Über die Liebe zum Land", von 1981 oder "Reflexionen über das Buch Jeremia" von 2016, lässt den Leser miterleben, wie Oz seine Standpunkte immer wieder hinterfragte und diese für neue politische Ereignisse fruchtbar machte. So spricht er vor den Radiohörern des Jahres 1964 etwa von einer "Notwendigkeit der Verlegenheit": "Eine 'gute Verlegenheit' nenne ich eine Verlegenheit, die den Menschen zwingt, seine Konventionen zu hinterfragen, die den Menschen zwingt, grausam zu seinen Heiligen zu sein."
In dem im Sammelband unmittelbar folgenden Tagesbefehl, den Oz für seinen Freund und General Israel Tal formulierte und der sich an die Soldaten der israelischen "Stahlformation" richtete, schrieb Oz wiederum: "Soldaten der Stahlformation: Das Signal wurde gegeben! Heute ziehen wir aus, die Hand zu zerschlagen, die ausgesandt wurde, uns die Kehle zuzudrücken." Die Wertschätzung von Verlegenheit war also unter dem Eindruck des 1967 geführten Sechstagekrieges einer Entschlossenheit gewichen, in der Auseinandersetzung mit den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien zur Waffe zu greifen.
Amos Oz: "Worte". Essays und Reden
Jüdischer Verlag
Oz war ein Intellektueller, der auf der Suche nach Wahrheit immer wieder nach den richtigen Worten suchte. Durch die strenge Transkription im Buch, die Oz' gesprochene Sprache mit Pausen und Wiederholungen weitestgehend ungeschliffen wiedergibt, kann der Leser direkt an dieser dynamischen Suche teilhaben. So heißt es einmal: "Ich spreche nicht nur vom Recht der Verlegenheit, ich spreche von der Notwendigkeit der Verlegenheit. Ich spreche von der ... von der ... von der Tatsache, dass die Verlegenheit eigentlich etwas Wesentliches ist." Auslassungszeichen zu nutzen, ist editorisch also ein geschickter Schachzug. Eine Version, die durch redaktionelle Korrekturschleifen "perfektioniert" worden wäre, hätte diese Unmittelbarkeit des Denkens nicht vermittelt. Bei der Lektüre wird Oz' eigene Verlegenheit somit orthographisch erlebbar.
In der deutschen Ausgabe des Radiointerviews von 1964 spricht der Moderator Chaim Yavin von einem "Sturm im Wasserglas". Im hebräischen Original heißt es "Se'ara be-kos mayim" - Sturm in der Teetasse. "Dass deutsche Redewendungen ins israelische Hebräisch Eingang gefunden haben, ist ja an sich nichts Ungewöhnliches, umso weniger, wenn es sich bei den Sprechern - wie bei Yavin - um Jecken beziehungsweise Kinder jeckischer Eltern handelt", erklärt der Übersetzer Jan Eike Dunkhase.
Einige der Texte zeigen Oz auch als das, wofür er hierzulande bekannt wurde: als Stimme der Mäßigung, die unmittelbar mit Andersdenkenden in Diskurs tritt. So sprach Oz etwa 1982 vor Bewohnern der Siedlung Ofra im von Israel besetzten Westjordanland: "Ich meine, dass eben die Annexion dieser Gebiete eine existentielle Gefahr für den Staat Israel darstellt." Er tritt in Israel als kritische Stimme auf und zeigt sich im Ausland als vehementer Verteidiger seines Staates.
Wer durch den Band blättert, erlebt einen Amos Oz, der oszilliert zwischen einer unverfrorenen Ehrlichkeit über die Bedingungen der geopolitischen Lage Israels, einer Zugewandtheit gegenüber politisch Andersdenkenden, einem unbändigen Wunsch nach universeller Liebe und der Sehnsucht nach einem unbefangenen Heimatgefühl.
In seiner letzten Rede rekurrierte Oz auf ein Gespräch, das er mit seinen Enkeln geführt habe: "Euer Opa hat in der Publizistik und auf Demonstrationen viele Jahre lang in der ersten Reihe gekämpft, jetzt kämpft ihr in der ersten Reihe. Opa ist jetzt in der Logistik, verantwortlich für die Munition. Hier ist dieses kleine Büchlein, das soll eure Munition sein." Man fragt sich angesichts dieses Buchs und der aktuellen Lage, ob es Munition für den Krieg oder für den Dialog bereithält. NIKOLAS ENDER
Amos Oz: "Worte". Essays und Reden.
Hrsg. von Fania Oz- Salzberger und Gafnit Lasri Kokia. Aus dem Hebräischen von Jan Eike Dunkhase. Jüdischer Verlag, Berlin 2026. 303 S., geb.
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