PARASITI
Alisha Gamisch
ET:09.03.26
Als Lydia einen Brief mit einer Puppe, die einen Fötus darstellt, als Mahnmal gegen Abtreibung im Briefkasten findet, verstummt sie.
Ihre Enkelin Rina versucht zu verstehen, was in ihrer Großmutter vorgeht, und beginnt zum ersten Mal, ihre Lebensgeschichte zu hinterfragen. Doch Tante Valli ist alles andere als begeistert, sich Rinas Fragen zu stellen.
Alisha Gamisch schickt uns zurück in die 60er-Jahre, in die Baracken von Novosibirsk, wo Lydia keinerlei Selbstbestimmung über ihren eigenen Körper hatte. Immer wieder muss sie abtreiben. Nacht für Nacht rutscht ihr trinkender und arbeitsscheuer Ehemann auf den Körper. Verhütungsmittel sind für sie unerreichbar.
Lydia steckt in einem Kreislauf aus Gewalt, Schwangerschaften und Abtreibungen fest. Erst die Flucht gibt ihr die Möglichkeit, diesem Leben zu entkommen. Über Lettland gelangt sie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt.
Auch in der UdSSR wurden damals Menschen, die nicht ins System passten, deportiert, viele von ihnen nach Sibirien. Sie lebten dort unter menschenunwürdigen Bedingungen auf engstem Raum in Baracken.
Die Autorin erzählt sehr eindringlich das Schicksal einer Russlanddeutschen, deren Leben von Gewalt, Unterdrückung und fehlender Selbstbestimmung geprägt ist. Gleichzeitig zeigt sie, wie lange die Erfahrungen einer Generation nachwirken können und wie schwer es sein kann, über das Erlebte zu sprechen.
Mich hat dieses Buch sehr berührt. Gerade deshalb hätte ich mir PARASITI auch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gewünscht.
Fazit:
Ein eindringliches und bewegendes Buch über Selbstbestimmung, Gewalt und ein Leben, dessen Geschichte viel zu lange verschwiegen wurde.