In jeder Familie gibt es vermutlich Lücken in den Erzählungen, Menschen und Begebenheiten, über die ein Tuch des Schweigens gebreitet wurde. Die SS-Angehörigkeit des Großvaters von Judith Hermann ist ein solches Geheimnis alle in der Familie wissen davon, aber es wird nicht darüber gesprochen. Die Autorin begibt sich nun in ihrem neuen Buch auf die Suche nach den Nachwirkungen dieser Leerstelle, sie möchte herausfinden, wie sehr sie dieser Vorfahre geprägt hat. Dabei hat sie diesen Großvater nie kennengelernt, er ist einige Jahre vor ihrer Geburt gestorben, hatte seine Familie jedoch schon vorher verlassen und sich von der Großmutter scheiden lassen. Selbst seine eigene Tochter, Hermanns Mutter, behauptet, ihren Vater kaum gekannt zu haben.
Eines der wenigen Fotos von ihm zeigt ihn auf einem SS-Motorrad sitzend auf einem Platz im polnischen Radom. Dort existierte das zweitgrößte nationalsozialistische jüdische Ghetto, der Gedanke liegt nah, dass der Großvater an Verbrechen beteiligt war. Judith Hermann reist für einige Zeit nach Radom und erkundet die Stadt, gleichzeitig hoffend und fürchtend, so ihrem Großvater näher zu kommen. Denn will man so einem Menschen überhaupt nahekommen?
Hermanns Prosa ist wie immer tastend, vorsichtig und reflektierend. Und auch wenn ihre eigenen Nachforschungen ins Leere laufen, stellt sie doch relevante Fragen zu Erinnerung und den Geschichten, die erzählt und denen, die verschwiegen werden.
Von Radom aus reist die Autorin weiter nach Süditalien, wo ihre Schwester mit ihrer Familie lebt und als Archäologin arbeitet. Die Schwester hat kein großes Interesse an der Familiengeschichte, sie ist eher an der Frühgeschichte interessiert, hat diese doch keine unmittelbaren Auswirkungen auf eigene Gewissheiten.
Im dritten und kürzesten Teil berichtet Judith Hermann vom 48-stündigen Verschwinden ihrer Schwiegereltern, die nicht an ihrem Reiseziel ankamen, zwei Tage später kommentarlos wieder zu Hause waren und nie erwähnt haben, was in der Zwischenzeit passiert ist.
Dieser zusammenhanglos wirkende Teil erhält seine Bedeutung durch die Frage, die er aufwirft: Welches Recht haben wir überhaupt, so genau über das Leben unserer Vorfahren, unserer Familie Bescheid zu wissen? Vielleicht ist jedes Herantasten, jedes Suchen in der Vergangenheit nur ein Annähern an uns selbst, ein Versucht, uns in der Geschichte zu verorten. Alles andere wäre bei der kaum vorhandenen Quellenlage Dichtung, oder wie Hermanns Mutter sagen würde: Literarisierung.
Ich habe das neue Buch von Judith Hermann gern gelesen, ich mag ihre Art, sich tastend einem Thema zu nähern. Wer sich für Erinnerung und die lückenhafte familiäre Geschichtenerzählung interessiert, könnte an diesem Buch Gefallen finden.