
Der neue Roman der Booker-Preisträgerin Kiran Desai: ein leuchtendes Familienepos zwischen Indien und den USA
Sonia studiert Literatur in den verschneiten Bergen Vermonts, Sunny arbeitet als Journalist in New York und träumt von einer großen Zukunft. Als sie sich in ihrer indischen Heimat zum ersten Mal begegnen, sprühen die Funken - bis sie feststellen, dass ihre Großeltern einst eine Heirat für sie arrangieren wollten.
Im Strudel ihrer chaotischen Familien, zwischen Tradition und Moderne, gehen sie sich verloren - und geben doch, auch Jahre später, die Suche nach dem gemeinsamen Glück nicht auf.
Nominiert für den Booker Prize 2025
Auf der Liste der 10 besten Bücher des Jahres 2025 der New York Times
Ausgezeichnet als The 10 Best Books of 2025" der New York Times
Besprechung vom 23.05.2026
Die Eulenschreie hätten sie warnen müssen
Im Roman "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny" erzählt Kiran Desai von einer spannungsvollen Liebe
In Venedig kommen die Dämonen. Ausgerechnet in der alten Sehnsuchtsstadt, wo sich das junge Pärchen treffen wollte, um herauszufinden, ob und wie sie ihrem kurzen Glück eine Zukunft weisen können, werden sie von dem Vergangenen heimgesucht. Sunny meint, auf Schritt und Tritt die Stimme seiner Mutter zu vernehmen, die ihn auf diesem Flitterurlaub wie ein quengelndes Gespenst verfolgt. Sonia kann die Grandezza des Ortes nicht ertragen, weil ihr Kopf voll ist, wie sie sagt, "mit Flüchtlingen, gequälten Kontinenten, dem Holocaust, Mussolini".
Noch schlimmer aber trifft es sie, als sie im Museo Fortuny einem zeitgenössischen Gemälde gegenübersteht und darauf sich selbst erblickt: nackt und beim Sex. Jahre zuvor war sie mit dem Maler eine toxische Beziehung eingegangen, bevor sie vor ihm floh und ein neues Leben zu beginnen suchte. Ihr zaghaftes, noch unentschiedenes Einlassen mit Sunny sollte dazu helfen. Jetzt aber muss sie erkennen, wie der selbstsüchtige Künstler ihre Schwäche schamlos ausnutzt. Da reißen alle Wunden wieder auf.
Es ist der Scharnier- und Schlüsselmoment dieser epischen Geschichte einsamer Twentysomethings, die sich über drei Kontinente, zwei Familien und rund sieben Jahre um die Jahrtausendwende erstreckt. Sonia und Sunny kommen aus wohlsituierten indischen Familien von der Art, die ebenso selbstverständlich über einen guten Koch wie gute Kontakte in die Halbwelt lukrativer Geschäftemacherei verfügen und sich daher leisten können, ihre Kinder hoffnungsvoll zum Studium nach Amerika zu schicken.
Dort geht Sonia in einem abgelegenen College in Vermont die ersten Schritte auf dem Weg, den Roman, von dem sie lang schon träumt, zu schreiben: "Weil sie ihre Familie vermisste, beschwor sie darin Indien herauf." Derweil hat Sunny in New York bereits seine erste Stelle bekommen: Nach seinem Abschluss an der Columbia arbeitet er als Juniorredakteur bei der Associated Press und übt sich nebenbei durch Haus- und Bettgemeinschaft mit einer weißen Amerikanerin fleißig in westlicher Lebensart.
Obschon ihre Familien zu Hause einander locker bekannt und die Großväter gelegentlich Schachpartner sind, kennen Sonia und Sunny sich nicht. Bis zu ihrem ersten Zusammentreffen - zufällig auf einer Zugfahrt in Nordindien - vergeht mehr als ein Drittel des Romans. Bis zu ihrem ersten Liebesspiel - nicht mehr ganz so zufällig in einem Feriendomizil in Goa - vergeht mehr als die Hälfte. Und nach ihrem kurzen Wiedersehen in Venedig, wo sie nach zwei Dritteln katastrophal auseinanderdriften, braucht es wieder Hunderte von Seiten, bevor der Roman an ein Ende kommt, das alle Möglichkeiten offenlässt. Seinen Titel jedenfalls nimmt er sehr ernst: Die einzige Gemeinsamkeit, die er den Hauptfiguren wahrhaft gönnt, ist ihre Einsamkeit.
Bemerkenswert ist allerdings, wie stark sie das verbindet. Über 700 Seiten hinweg wird im steten Wechsel aus dem Leben der einen, dann der anderen Figur erzählt, und doch entsteht schon bald der Eindruck, dass die jeweils abwesende im Schicksal der präsenten so unerklärt wie unerklärlich mitspielt, auch wenn sie Kontinente physisch trennen. Wie es dem Roman gelingt, in ausgedehnten Bögen und mit langem Atem dieses Wechselspiel in lebensprallen Szenen auszufabulieren, macht viel von der Lust und Spannung, die uns die Lektüre bietet, aus.
Anfangs steht Sonia im Fokus. Nach einem wunderbar schrägen Einstieg über ihre Herkunftsfamilie und deren Rituale widmet sich der erste Teil dem schneereichen Vermont, wo die junge Inderin mit ein paar weiteren versprengten Ausländern auf dem Campus überwintern und mit Depressionen kämpfen muss. So lässt sie sich auf die Affäre mit dem narzisstischen, mehr als dreißig Jahre älteren Künstler ein. Als Erstes drängt er sie, auf seinem Walkman Eulenschreie anzuhören.
Dann erklärt er, ganz mephistophelisch, wie er die scheinbar guten Dinge so male, dass sie böse aussehen, und die scheinbar bösen Dinge so, dass sie gut aussehen. Beim ersten Dinnerdate vergreift er sich gezielt an ihrer Bluse und installiert sie anschließend mit Job und Luxusbleibe in New York, wo sie ihm fortan zur Verfügung stehen und doch immer heftiger erleben muss, wie verhängnisvoll diese Beziehung ist. Was anfangs immerhin gut schien, eskaliert ins Böse.
Sunnys Leben in New York verläuft vergleichsweise in braven Bahnen, bis auch diese sich als Sackgasse erweisen. Mit der Bettgenossin aus Midwest verbindet ihn zunächst der Wille zum Unkonventionellen. Zur schweren Krise kommt es, als ein Brief aus Indien eintrifft, der berichtet, dass eine Familie aus dem Bekanntenkreis der Großeltern vorschlägt, die Enkelin, die einsam in Vermont hockt, vorteilhaft mit ihm zu verheiraten.
Während Sunny diese Anfrage als Relikt indischer Mittelklassetradition weglächelt, findet seine amerikanische Freundin, die er zu Hause stets verschwiegen hat, das Ganze gar nicht lustig und packt, sobald er Heimaturlaub macht, ihre Sachen. So setzt der Roman eine gute Pointe. Denn während er beständig darum kreist, dass Romane über Indien unbedingt vermeiden sollten, klischeehafte Erwartungen wie arrangierte Ehen zu bedienen, wäre ausgerechnet dieses Heiratsarrangement, von den Großvätern erdacht, womöglich doch geeignet gewesen, den Enkeln viel einsames Leiden zu ersparen. Eben daraus allerdings kommt die Erzählsubstanz: vom Glücklichsein ist wenig zu berichten.
Die indisch-amerikanische Autorin Kiran Desai, Jahrgang 1971, liebt solche Ironien. Seit ihrem zweiten Roman, "Erbin des verlorenen Landes" (2006 ein triumphaler Erfolg, der ihr als bislang jüngster Autorin den Booker-Preis einbrachte) hat sie zwei Jahrzehnte an diesem dritten gearbeitet. Bei aller Hingabe, mit der sie darin das Riesenpanorama indisch-amerikanischer Lebenswelten aufrollt und den verwickelten Lebensfäden der Figuren von Uttar Pradesh zur amerikanischen Ostküste sowie über England und Italien bis nach Mexiko folgt, durchsetzt sie ihre Großgeschichte mit reflektierenden Passagen, die nach den Bedingungen des eigenen Erzählens fragen.
So sieht sich Sonia, in mancher Hinsicht ein Porträt der Autorin in jungen Jahren, mit ständigen Ermahnungen konfrontiert, bloß keine orientalistischen Schablonen einzusetzen, und im College schreibt sie eine Hausarbeit über den Magischen Realismus, der lange Zeit als Markenzeichen postkolonialer Literaturen galt.
Auch Desais Roman will nicht ganz darauf verzichten. Viel mitreißender aber als alles Magisch-Dämonische, das ihn gelegentlich heimsucht, ist sein souveräner Realismus, der in der großen Tradition des neunzehnten Jahrhunderts eine üppige Wirklichkeit erzählerisch bannt: Darin liegt wahrhaft Magie.
Mit Freuden lässt man sich davon verzaubern, liest Hunderte von Seiten und bedauert zum Schluss, dass es nicht noch Hunderte mehr sind. So vieles bleibt Andeutung - Sonias deutscher Großvater, der in Indien das Spirituelle suchte und in den Bergen verscholl; Sunnys Onkel und ihre kriminellen Verstrickungen, die sie das Leben kosten - und verlangt nach weiterem Erzählen.
Nur die diabolische Künstlerfigur, die breiten Raum einnimmt, ist leider ein ziemliches Klischee-Konstrukt geworden. Dagegen zeigt Desai, ganz wie Charles Dickens, dem sie erklärtermaßen folgt, wunderbare Stärken in der pointierten Zeichnung kleinster Randfiguren und der Ausgestaltung eher beiläufiger Episoden wie der London-Reise von Sunnys Mutter, die zu herrlich witzigen Vignetten werden.
Robin Detje übersetzt das alles bravourös und nuanciert. Nur stellenweise leistet er sich mit der buchstäblichen Wiedergabe sprichwörtlicher Wendungen ("Es hatte Hunde und Katzen geregnet" oder "Sie weinte ihm einen Ganges") seltsam Verfremdendes; und dass man im Deutschen "eine Dusche nehmen" soll, auch wenn das der Duden mittlerweile zulässt, klingt immer noch nach einem Anglizismus.
Manche hier nur teilweise verfolgte Erzählfäden leiten uns in andere Geschichten weiter oder nehmen sie aus früheren Romanen auf, namentlich aus denen von Anita Desai, Kirans Mutter, die in ihrem großen Werk ebenfalls Schlüsselszenen in Venedig angesiedelt hat. In "Baumgartners Bombay" (1988) beispielsweise gestaltet sie ein deutsches Flüchtlingsschicksal, das jetzt im Roman ihrer Tochter auf unheimliche Weise flüchtig wiederkehrt. So erzählt Kiran Desais doppelte Familiengeschichte von Sonia und Sunny untergründig wohl noch eine dritte von der eigenen Familie: ein Triumph. TOBIAS DÖRING
Kiran Desai: "Die Einsamkeit von Sonia und Sunny". Roman.
Aus dem Englischen von Robin Detje. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2026. 752 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.