Sonia und Sunny, beide ursprünglich aus indischen Familien stammend, scheinen es auf den ersten Blick richtig gut zu haben: ihre Familien sind in der Lage, ihnen jeweils ein Studium in den gepriesenen USA zu ermöglichen. Sonia hat Literatur in Vermont studiert, Sunny Journalismus in New York. So stehen den beiden alle Verheißungen des Westens offen, möchte man glauben: eine Zukunft im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, voll unendlicher Weiten, und ein modernes, freies Leben, frei von den Zwängen alter kultureller Traditionen und familiärer Erwartungen - statt ganz jung heiraten zu müssen, wie viele andere junge Menschen in Indien.
So würde man erwarten, dass die beiden glücklich und erfüllt sind, oder? Das hätten sich zumindest ihre Familien für sie gewünscht, die ihnen dieses Auslandsstudium ermöglicht haben. Dieses Unverstanden-Sein erhöht natürlich das Gefühl der Einsamkeit der jungen Menschen noch einmal mehr, zur äußerlichen kommt noch eine starke innerliche Unverbundenheit und Entfremdung von der Lebenswelt der Herkunftsfamilien dazu:
"Einsam? Einsam?" Für Einsamkeit hatte man in Allahabad kein Verständnis. Sie kannten dort vielleicht die Einsamkeit, die entstand, wenn man sich missverstanden fühlte; sie kannten vielleicht das leere tote Gefühl der Nachmittage von Allahabad, eine Ebbe, die ewig währen mochte; aber sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen." (S. 9)
Und viele Aspekte des amerikanischen Traums erweisen sich als zerplatzende Seifenblasen: an eine dauerhafte Arbeitsgenehmigung ist nicht so leicht zu kommen, es gibt Vorurteile und Diskriminierung und in manchem sind die beiden in wohlhabenden, behüteten indischen Familien aufgewachsenen jungen Menschen wohl auch psychisch nicht so gut vorbereitet auf die Härten eines Lebens alleine, fernab der Verwandten, in einem fremden Land am anderen Ende der Weltkugel.
Dieses neue monumentale Epos der Booker-Preisträgerin Kiran Desai begleitet also Sonia und Sunny sowie weitere Personen aus ihrem Umfeld über fast 750 dicht erzählte Seiten durch einige prägende Episoden ihres Lebens als junge Erwachsene in ihren 20ern, zwischen den USA und Indien. Natürlich begegnen sich die beiden auch irgendwann, doch bis dahin geschieht noch so einiges andere, und auch danach ist es nicht immer leicht miteinander. Wenn alte kulturelle Normen von Sittsamkeit, Enthaltsamkeit und Ehe wegfallen, aber vielleicht zum Teil noch innerlich nachwirken, und nur stückhaft durch das neue, moderne, westliche Konzept von flexiblen Affären und Beziehungen, in denen alles möglich scheint, ersetzt werden... was hat man dann überhaupt miteinander? Was verbindet einen, wenn überhaupt etwas? Und was macht das mit diesen jungen Menschen?
Es sind viele tiefgründige Themen, die dieses Buch aufwirft:
Es geht um den Preis, den viele junge Menschen zahlen, wenn sie sich durch Wegzug und Studium auch innerlich von den Normen der Herkunftskultur und -familie entfernen und sich gleichzeitig doch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit sehnen, aber nicht klar ist, wo diese in ihrem neuen Leben gefunden werden können.
Es geht um ein vielfältiges Indien im Aufbruch, zwischen Tradition und Moderne, zwischen Familienzusammenhalt und Brüchigkeit, mit einer uralten Kultur, Mystik und einzigartiger Kulinarik, aber auch vielfältigen Problemen in Bereichen wie Soziales, Gesellschaft und Umwelt. Dabei spart die schon lange im Ausland lebende indischstämmige Autorin auch nicht mit Kritik am Subkontinent und zeigt an vielen Beispielen, wie tief Klassismus, Misogynie, Korruption und viele weitere Probleme in der Gesellschaft verankert sind und das tägliche Leben der Menschen prägen.
Es geht außerdem um die ursprünglich so schillernden USA, über viele Jahrzehnte der Traum vieler Menschen aus aller Welt, die nach wie vor viele hoffnungsvolle Studierende aus verschiedensten Ländern anziehen, die dann doch in vielen Bereichen desillusioniert werden und erkennen müssen, dass auch diese Gesellschaft bei weitem nicht so frei und gleich ist, wie sie sich gerne marketingmäßig präsentiert, und die scheinbar unendlichen Möglichkeiten für sie selbst ihre Grenzen haben.
Mir hat es etwa in der Seele weh getan, ausführlich darüber zu lesen, wie wenig berufliche Chancen die so hoffnungsvolle, für ihr Fach brennende und intelligente, aber in Beziehungen unerfahrene und etwas naive Sonia für sich allein in den USA hat und wie anfällig es sie dafür macht, eine sehr toxische Affäre mit einem viel älteren, privilegierten, ausbeuterischen Künstler einzugehen, der ihr erst einmal scheinbar berufliche Möglichkeiten und die damit verbundene Verlängerung ihrer Aufenthaltsgenehmigung verschafft, aber sie sonst ausnützt, demütigt und ihren Selbstwert zerstört. Das war ein Teil des Buches, der nicht einfach für mich auszuhalten war, aber gleichzeitig ebenfalls wichtige Aspekte von Einsamkeit und Benachteiligung aufzeigt.
Ich empfehle, sich für dieses Buch mindestens einen Monat konzentrierte Lesezeit zu nehmen. Das gilt selbst für routinierte Leserinnen und Leser. Das Buch ist in seiner Erzählweise dermaßen dicht und reich an Metaphern und Querverbindungen, dass ein schnelles Lesen kaum möglich ist und dabei viel verloren gehen würde.
Eines der prägenden Bilder, das sich durch das Buch zieht und vielleicht auch als Metapher für die Vielschichtigkeit von Verbundenheit, Emotionen, aber auch Einsamkeit, Entfremdung und Überwältigung stehen könnte, ist das Meer:
"Ich hätte schon vor ewigen Zeiten wiederkommen sollen. Du bist das Meer meiner Kindheit." Er schwamm hinaus, bis die Wasser ganz sanft waren, als würden sie noch schlafen." (S. 383)
"In Arossim gingen sie an den Strand. "Wenn du nach langer Zeit zum ersten Mal wieder schwimmen gehst - näher wirst du dem Glück nicht kommen", sagte Sonia." (S. 403)
"Weil dies unabänderlich ihre letzte Vergnügung war, gingen sie ins Wasser und fanden den Wellengang noch heftiger, als er vom Strand aus gewirkt hatte. Die Brecher waren so hoch, dass sie fast bis an den Grund tauchen mussten, damit sie nicht von ihnen mitgerissen wurden. Sie hatten kaum Zeit zum Auftauchen und Luftholen, bevor schon die nächste Welle herangedonnert kam und sie wieder abtauchen mussten, so tief wie möglich, um der Gefahr zu entkommen." (S. 408)
"Am Horizont berührte der Vollmond das Meer, über den Hügeln ging die Sonne auf, und der Mond verschwand wie ein Geist. Sunny schwamm weit hinaus und sah zu, wie die Sonne die ausgedörrten Hügel in Besitz nahm, hinter dem Dorf, das erst langsam erwachte. Er bat den Gott der Dämonen um Schutz für die Sonne, und bat die Sonne, seine Reise zu segnen." (S. 741)
An den zitierten Stellen zeigt sich auch, wie tief in diesem Buch modernes Denken, Fühlen und Genießen mit uralten religiösen, abergläubischen und mystischen Bezügen verbunden sind. Ich habe hier das Beispiel mit dem Meer gewählt, um zu zeigen, wie dieses Buch diesbezüglich funktioniert.
Es gäbe dazu aber auch unzählige weitere Beispiele mit anderen Metaphern, die sich ebenfalls durch das Buch ziehen und sich geschickt immer wieder in unterschiedlichen Kontexten wiederholen und dabei jeweils spiralförmig tiefere Aspekte eines Themas symbolisch aufzeigen. Um diese zu entdecken und zu entschlüsseln, ist Hintergrundwissen in Bezug auf Symbolik, Archetypen und die indische Kultur hilfreich, außerdem braucht es viel Zeit, um der Tiefgründigkeit dieses Werks den angemessenen Raum zu geben.
Damit ist es auch eines der Werke, bei denen es sich definitiv lohnt, es mehrmals zu lesen, dabei Notizen zu machen und es mit anderen zu diskutieren. Im Anhang finden sich Stammbäume von Sonia und Sunny, diese zu konsultieren lohnt sich für eine Einordnung der vielen vorkommenden Figuren.
Für schnelle, oberflächliche Unterhaltung ohne Anspruch eignet sich dieses Buch definitiv nicht, es verlangt und fordert seinen Raum. Es ist ein Buch mit sehr hohem Anspruch, das viel Konzentration, Zeit und Zuwendung erfordert, aber dafür mit einem sehr vielfältigen, reichhaltigen Leseerlebnis und einer umfassenden, tiefgründigen Annäherung an das Thema Einsamkeit zwischen Menschen und Kulturen in seinen vielfältigen Schattierungen belohnt. Es braucht viel Raum, zeitlich genauso wie emotional, sich auf dieses Buch voll und ganz einzulassen. Dann ist es aber ein besonderes Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht, viel Tiefe und Wissen vermittelt, verständnisvoller für Menschen aus ganz anderen Kulturen und Lebenssituationen machen kann, zum Nachdenken anregt und auch nach Beendigung der Lektüre innerlich noch lange in einem verweilen wird.