
»Schreib mir, Nino, weil ich jedes Mal, wenn ich deine Worte lese, den Rückweg nach Hause finde! «
Mit diesen Worten wendet sich die syrische Dichterin Lina Atfah an Nino Haratischwili - und öffnet einen intimen Raum des Austauschs über Kindheit und Krieg, Erinnerung und verlorene Heimatorte. In den hier versammelten Briefwechseln aus dem Programm »Weiter Schreiben« erleben wir mit, wie sich zwischen Marica Bodrozic, Mithu Sanyal, Daniela Dröscher und Schriftsteller:innen im Exil über persönliche und politische Grenzen hinweg tiefe Verbindungen entwickeln. Diese Briefe über die dramatische Flucht aus Kabul oder die Ruinen Tbilissis sind mehr als Erinnerungen - sie sind literarische Zeitdokumente, in denen die persönlichen Schicksale mit weltpolitischen Ereignissen verwebt werden.
Besprechung vom 12.06.2026
Die schwärzesten Nächte der Welt
Wie spricht man über den Krieg? Das Programm "Weiter Schreiben" versucht in Briefwechseln mit Autorinnen aus Krisenregionen, Antworten darauf zu finden.
Von allen Formen der Kommunikation über große Entfernungen hinweg ist mir das Briefeschreiben die liebste, denn Briefe können die Beziehung vertiefen", schreibt Parand an die Schriftstellerin Mithu Sanyal. Bevor beide in ihre Korrespondenz eintraten, waren sie einander fremd. Jetzt verbindet sie ein Austausch zwischen Kabul und Düsseldorf, über Landesgrenzen hinweg. Einander Trost spenden und dem erlebten Kummer Raum geben, darüber schreibt Parand. Sie erzählt von zerrissenen Familien wie der eigenen, die auf verschiedenen Kontinenten leben und sich vielleicht nie wiedersehen werden.
Parand ist ein Pseudonym, denn die Schriftstellerin riskierte ihr Leben, wenn ihre Identität auffliegen sollte. Sanyal schreibt, es sei schwer gewesen, mit ihr Kontakt aufzunehmen, "seit die Taliban die Regeln für Frauen noch weiter verschärft haben, weil dich Nachrichten von Ausländer:innen in Gefahr bringen können". Über konspirative Wege wurden sie schließlich doch zugestellt.
"Worte auf Papier, so zerbrechlich wie Glas (...). Die Taliban mögen deine Stimme verbieten, doch die ganze Welt möchte sie hören", so beschreibt Sanyal die menschliche Perspektive Parands in einer unmenschlichen Krisensituation. Über mehrere Monate hinweg näherten sich die beiden Frauen der Frage an, wie Kummer überhaupt auszuhalten ist.
Viele andere Briefe des Programms "Weiter Schreiben" umkreisen die gleichen großen Fragen und finden manchmal nur eine Lösung: schreiben, um weiterzumachen, schreiben um des Schreibens willen. Im Rahmen des Programms tauschen Parand und andere Menschen, die in Krisengebieten oder im Exil leben, sich mit deutschsprachigen Autoren und Exilanten aus.
In "Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause", einem Sammelband, der jetzt von Annika Reich und Mirjam Wittig herausgegeben worden ist, sind fünfzehn solcher Briefwechsel versammelt, die unter anderem zwischen Salamiyya in Syrien und Berlin changieren.
Teilweise gehen den Briefwechseln mehrstufige Übersetzungsprozesse voraus, zum Beispiel vom Arabischen ins Deutsche, ins Ukrainische oder Belarusische über das Deutsche und dann wiederum ins Tigrinische. Die deutschsprachige Kulturproduktion wird dadurch um vielfältige Perspektiven bereichert. Einige der Briefe erschienen bereits in der F.A.Z., in deren E-Paper-Beilage "Bilder und Zeiten".
In den fünfzehn Briefwechseln wird Alltägliches erzählt, wie das zeremonielle Kaffeetrinken oder über die individuellen Strategien, mit den Restriktionen in den Herkunftsländern klarzukommen. Allesamt eint diese Briefe die Frage, was Heimat bedeutet.
Neben Judith Hermann, Daniela Dröscher oder Katerina Poladjan wird vorwiegend Schriftstellern aus anderen Ländern der Welt Raum gegeben wie der syrischen Autorin Lina Atfah, die heute in Wanne-Eickel lebt, dem iranischen Dichter Ali Abdollahi, der sich mittlerweile in Berlin aufhält, oder Daryna Gladum aus Butscha in der Ukraine, die an unterschiedlichen Orten im Exil lebt.
Das Briefschreiben gibt eine mögliche Antwort darauf, mit der Dunkelheit, die viele der Autorinnen erlebt haben, umzugehen. "Weiter Schreiben" versammelt mehrheitlich Texte von Frauen, die oft auch über das Frausein nachdenken. Ihnen geht es in einigen Krisenregionen besonders schlecht. Marie Bamyani (ebenfalls ein Pseudonym) schreibt zum Beispiel: "Ich bin mit meinen Gedanken bei den Frauen und Mädchen in Kabul, deren Tage während dieser zweieinhalb Jahre immer wie die Nacht sind, ihre Nächte schwärzer als alle Nächte dieser Welt."
Der Brief ist dabei eine kleine Form, dessen ausgewählte Wörter mit ihrem autofiktionalen Gewicht schwer wiegen und dank der Kürze die Wucht im Kleinen transportieren. Die intime Dimension des Briefschreibens macht die Auswirkungen von Gewalt auf Individuen plastisch sichtbar, wenn es um das Sprachefinden geht, in einem Krieg gegen das Gedächtnis. Oder wie der afghanische Autor Zia Qasemi, der heute im Exil in Uppsala lebt, schreibt: "Dieser Brief sollte von Wehmut und Heimatlosigkeit erzählen. Heraus kamen vielleicht etwas ungeordnete und zusammenhängende Wörter und Sätze - dem Geist der Person entsprechend die Vertreibung erlebt hat."
Der kürzeste Brief von Katerina Poladjan vom 7. April 2020 lautet: "Lieber Abdalraham, singst du gern? Liebe Grüße Katerina", und er fängt die persönliche Ebene, das Dialogische, die Verknüpfung über das Musikalische und die Eigenheit dieses Schreib-Experiments ein. Dieses Experiment knüpft an die Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" an. Das fortlaufende Briefschreiben öffnet einen Möglichkeitsraum, vielleicht irgendwann die Gewaltkreisläufe zu durchbrechen.
"Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause" heißt die Sammlung. Ihre Autoren nähern sich in der Tat den Orten an, die sie als Zuhause bezeichnen würden. Mal ist es ein "altes, schönes, herrschaftliches Haus, wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert (...) und das nun entzweigerissen war: ein riesiger Spalt teilte es in zwei Stücke und inmitten dieser klaffenden Lücke ragte ein schmaler, schöner Baum hervor"; mal der Vers eines Gedichts: "Der Mensch ist kein Vogel, der, welche Grenze er auch überquert, eine Heimat findet." Oder es ist die Musik von Nabil Arabaain.
Neben der geographischen Heimat beherbergt auch die Sprache die Menschen in sich. Sie eröffnet einen globalen Raum, in dem Kummer geteilt und verkleinert werden kann. Parand schließt ihren letzten Brief an Mithu Sanyal deswegen hoffnungsvoll: "Eines Tages werden unsere Briefe in einem Buch veröffentlicht, und wir werden die ersten beiden Frauen sein, die von zwei Enden der Welt aus miteinander über das Leben, die Politik, den Glauben und die Kultur sprechen und so einen Schritt in Richtung globaler Toleranz gehen." Doch was bedeutet das schon, wenn so viele Menschen weiter in Gefahr leben? EVA GOLDBACH
"Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause". Briefe von Autor:Innen im Exil.
Hrsg. von Annika Reich und Mirjam Wittig. Ullstein Verlag, Berlin 2026. 400 S., geb.
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