Eindrückliche und schonungslose Analyse wie das Internet von einer Welt der Möglichkeiten zu einer Welt der Jauche verkommen ist.
"Enshittification" von Cory Doctorow ist auf Deutsch 2026 im aufbau Verlag erschienen. Ich habe das E-Book als Rezensionsexemplar auf einer Bücherplattform erhalten, vielen Dank dafür. Aufmerksam geworden bin ich auf "Enshittification" einerseits weil mir das Cover ins Auge gestochen ist (obwohl es nicht rasend orginiell ist, ist es sehr "catchy" finde ich), und andererseits weil ich vermutlich schon mal über den Begriff gestolpert bin und eine Vorstellung hatte, was das Thema des Buche sein wird. Ein Blick in die Kurzbeschreibung hat mit meine Vermutung bestätigt und mein Interesse so richtig geweckt.Der Titel des Buches - so wie ich verstehe ist das eine eigene Wortschöpfung des Autors - beschreibt in der Tat sehr eingängig, womit der Autor sich auch auseinandersetzt, nämlich die digitale Vermüllung der Welt. Anhand mehrerer weltweit bekannter Beispiele wie Amazon oder Facebook beschreibt Doctorow, wie sich diese Plattformen von irgendwie idealistischen - oder zumindest einfach mal ergebnisoffenen - Projekten aus der "alles ist aufregend und möglich"-Anfangszeit des Internets in gigantische Monopole unvorstellbaren Ausmasses verwandelt haben, und damit auch der Fokus nicht mehr darauf liegt, dem Nutzer ein gutes Produkt anzubieten, sondern mehr darauf, die Zitrone bis zum letzten Tropfen auszupressen.Doctorows grosse Leistung in diesem Buch besteht für mich darin, dem Leser eine schleichende Entwicklung, die sich über die letzen 20 bis 30 Jahre ergeben hat bewusst zu machen, und mit fundierter Kritik dazu zu bringen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen: Plötzlich erinnert man sich einmal wieder bewusst daran, wie Amazon zu Beginn der Nullerjahre war; wie spannend und neu Online-Shopping war; wie Google einem dabei geholfen hat echte, gute Informationen zu finden; oder wie unterhaltsam es war, auf Facebook die Posts echter Menschen, echter Freunde zu sehen. Wir haben uns heute mit einer unerklärlichen Schicksalsergebenheit so sehr an die Abhängigkeit von Monopolen gewöhnt, und an ihre "digitale Jauche" , die uns regelmässig über den Kopf gegossen wird, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen (kleine Ecken des Internets wie Bücherplattformen, in welchen Menschen noch echte Rezensionen echter Bücher schreiben kommen mir da grad wie eine winzige Widerstandsbewegung vor, wie ein Zeichen des Glaubens, dass da noch was anderes ist, was es zu bewahren lohnt). Diese Reflektion bringt auch Menschen, die wie ich eigentlich an den Kapitalismus glauben zum Nachdenken, was alles falsch gelaufen ist, und welche Überzeugungen vielleicht schlicht über Bord geworfen gehören."Enshitticiation" ist für mich ein Plädoyer für Märkte, und für Kapitalismus - aber in einer gesunden Version, in einer Version die mit griffigen Regeln Menschen - Konsumenten und zahlende Kunden - schützt und für Wettberwerb sorgt, anstatt sich zum Diener der Giganten zu machen und diese dabei zu unterstützen, uns irgendwie geistig und finanziell komplett zu schröpfen.Rein sprachlich hätte man in diesem Buch sicherlich einiges noch besser gestalten können, es gibt (zu) viele Zeitsprünge hin und zurück; an einigen Stellen ist es recht repetitiv (der Autor scheint wirklich für das Thema zu brennen), und man hätte auch mit einigen Seiten weniger auskommen und dieselbe Wirkung erreichen können. Nichtsdestotrotz ist das Buch meines Erachtens sehr lesenswert, und ich emfpfehle es allen, die sich für Wirtschaft sowie die Entwicklung der digitalen Welt interessieren.