Der 1976 in Rumänien geborene Autor Catalin Dorian Florescu lebt zwar seit seiner Ausreise kurz vor seinem 15. Geburtstag in der Schweiz, kehrt aber in seinen Romanen immer wieder zurück in die ehemalige Heimat. So z.B. in seinem mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten Werk Jakob beschließt zu lieben, 2011 erschienen. Und auch seine neueste Veröffentlichung Matei entdeckt die Freiheit spielt wieder in Rumänien.
Der Ich-Erzähler Matei wird als junger Mann im Herbst 1956 wegen ein paar großspurig als politisches Manifest angekündigter Gedichte verhaftet und zu sieben Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Als er 1964 entlassen wird, ist das keine Rückkehr in die Freiheit. Das ganze Land hatte sich in eine Zelle verwandelt, Ein Klima von Angst, von Bespitzelung und Überwachung lähmt das Volk.
Matei selbst muss gleich eine bittere Erfahrung hinnehmen. Während ihm die Liebe zu seiner Freundin Irina Halt und Stütze war in den Jahren der Gefangenschaft, hat diese sich längst von ihm losgesagt. Sie ist mittlerweile mit einem Geheimdienstoffizier verheiratet. Doch bald lernt er Monica kennen, Witwe eines Gulag-Häftlings und Mutter einer Tochter. Sie nimmt ihn bei sich auf, vermittelt ihm Arbeit als Sargmacher in der Volkskooperative Genossenschaftlicher Trost. Man begegnet ihm, dem ehemaligen Volksfeind, zwar mit Misstrauen, doch das Schicksal meint es nun endlich gut mit ihm. Die Ehe mit Monica ist liebevoll, Andrei, Freund als Gulagtagen, steht ihm lebenslang zur Seite und Enkelin Aurelia ist die Freude seines Alters.
Aber das Lager steckt nicht nur in Form zahlreicher Krankheiten und Beschwerden in seinem Körper, sondern noch tiefer in seiner Seele. Die Bilder von damals verfolgen ihn Tag und Nacht, die früheren Weggefährten besuchen ihn in seinen Träumen.
Eine tiefe Lethargie lähmt ihn geradezu.
Da trifft er eines Tages auf seinen früheren Peiniger. Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus. Leutnant Pana war Geheimdienstmitarbeiter und hatte ihn in dieser Funktion verhört und gefoltert. Und als 1989 mit dem Tod des Diktators eine neue Zeit beginnt, beschließt Matei sich zu rächen.
Der Wunsch nach Rache ist stärker als alles andere, stärker als die Liebe zu Frau, Familie und Freund. Besessen arbeitet Matei an seinem Racheplan. Ob ihm das Ruhe und Frieden schenken wird, soll hier nicht verraten werden.
Catalin Dorian Florescu entwickelt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denen er nicht chronologisch folgt. So gelingt ihm nicht nur ein glaubhaftes Bild der Jahre unter Ceaucescu, sondern er zeigt auch die Endphase des stalinistischen Rumäniens ebenso wie die Nachwendezeit.
Weil Matei schon in jungen Jahren dem Wunsch nach Freiheit Worte verleiht, wird er eingesperrt. Den Alltag im Arbeitslager, das Überleben und Sterben im Donaudelta beschreibt der Autor so genau und präzise, als hätte er dies selbst erlebt. Es sind Szenen, die kaum auszuhalten sind. Matei erfährt dabei aber nicht nur unfassbare Grausamkeit und Willkür, sondern auch Momente von Menschlichkeit und Solidarität.
Florescu zeichnet ebenfalls ein düsteres Bild vom Leben unter Ceaucescus Diktatur. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Sie stehen an für Lebensmittel und Heizmaterial, bekommen keine notwendigen Medikamente; es fehlt an allem. Die Securitate unterdrückt jeglichen Widerstand, verfolgt mit unbarmherziger Grausamkeit offensichtliche und vermeintliche Gegner des Regimes.
Und das Ende der Diktatur bringt wenig Verbesserungen für die Bevölkerung . Die Renten sind miserabel, das halbe Land ist arbeitslos, und an der Macht sind ehemalige Kommunisten. Denen liegt wenig an einer Aufarbeitung der Geschichte. Matei wartet vergebens darauf, dass die Täter von damals verhaftet und verurteilt werden. Er muss die Sache selbst in die Hand nehmen.
Florescu verfolgt mit seinem Schreiben eine Mission. Er will aufklären, ergreift Partei für diejenigen, die unter das Rad der Geschichte gekommen sind. Dazu erschafft er lebendige, glaubwürdige Charaktere, mit denen der Lesende empathisch mitgeht. Mit Monica ist ihm wieder eine starke Frauenfigur gelungen und Matei ist geradezu eine tragische Figur. So lange ihn sein Hass und sein Wunsch nach Rache antreiben, so lange wird er unfrei bleiben.
Florescu beweist hier erneut seine erzählerische Kunst, die sich durch eine bildstarke und poetische Sprache, große Intensität und Spannung auszeichnet.
So ist Matei entdeckt die Freiheit ein Roman, der auf eindringliche Weise beschreibt, wie stark eine Diktatur das Leben der Betroffenen bestimmt, sie nie mehr loslässt. So lange ein Land seine Vergangenheit nicht aufarbeitet und die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen werden, so lange gibt es keine Freiheit für die Opfer.