
Nicht erst seit die Landwirte mit ihren Treckern 2024 die Straßen lahmlegten, wurde sichtbar: Stadt und Land sind auseinandergedriftet. Doch diese Spaltung ist gefährlich angesichts der aktuellen Herausforderungen, von der Ernährungs- und Energiesicherheit über Mobilitätsfragen bis hin zum demografischen Wandel. Und sie lebt vor allem von Klischees. Andreas Möller kennt die Lebensrealitäten auf dem Land genau und widerspricht klar der Erzählung von den wirtschaftlich und gesellschaftlich rückständigen Regionen: «Das» Land ist weder abgehängt, noch lässt sich der Strukturwandel durch Transformationsrhetorik beheben. Möller führt uns eine Schieflage vor Augen, die weite Teile unserer Wirtschaft umfasst, und legt dar, wie viele Stimmen in den Debatten um Stadt und Land übergangen wurden. Eine scharfsichtige Analyse, die zeigt, was zu tun ist - und warum eine ernst gemeinte Kommunikation über die Gräben hinweg nötiger ist denn je.
Besprechung vom 27.04.2026
Das übersehene Land
Vom Gefühl, belehrt statt gehört zu werden
Ein Drittel, manche sagen sogar die Hälfte, der Menschen in Deutschland lebt im ländlichen Raum, auf rund neunzig Prozent der Landesfläche. Allein dieser Befund ist ein Kontrapunkt zu einer öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich in Politik und Medien allzu oft in den Städten staut. Andreas Möllers Buch "Die Unterschätzten" setzt genau hier an. Es fordert einen längst überfälligen Perspektivwechsel, der das Land nicht länger als Randnotiz behandelt, sondern als Ort begreift, ohne den sich zentrale Zukunftsfragen nicht beantworten lassen.
Mit "unterschätzt" meint Möller vor allem ein Versäumnis der "Wohlmeinenden". Mal verklären Städter das Landleben romantisch, mal begegnen sie ihm herablassend oder mitleidig, selten aber auf Augenhöhe. So wird über Klimaschutz, Energiewende, Ernährung oder Strukturpolitik verhandelt, ohne das Erfahrungswissen jener ernsthaft einzubeziehen, die viele Entscheidungen praktisch umsetzen und die Folgen davon tragen müssen. Der ländliche Raum wird zur Projektionsfläche. Aus dieser Schieflage, erwächst laut Möller nicht nur Frust, sondern ein politisches Problem: das Gefühl, die eigene Stimme zähle weniger, und man werde im Zweifel noch belehrt. Kurz gesagt erklärt die Stadt dem Land, wie es zu sein hat.
Möller illustriert die Kluft an Beispielen, die zeigen, wie rasch Debatten ins Dogmatische kippen, beim Insektenschutz, in Ernährungsfragen oder in der Suche nach der vermeintlich saubersten Antriebsform. Aus komplexen Abwägungen werden Symbole, aus Abwägungsprozessen wird Ja oder Nein, und wo es um Praktikabilität und Zielkonflikte ginge, entstehen Lager. Stark wird das Buch dort, wo es Erfahrungen und Gefühle konkret macht. In der Figur des Landwirts Hendrik, eines Kindheitsfreunds des Autors in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wird Landwirtschaft als häufig technokratisch anmutendes Feld plötzlich greifbar, mitsamt ökonomischem Druck, Stolz und verletzten Gefühlen.
Die Energiewende beschreibt Möller als Seismographen für tiefer sitzenden Frust. Auf dem Land hält man sie nicht grundsätzlich für falsch, im Gegenteil, viele profitieren sogar davon. Doch vielen erscheint die Umsetzung asymmetrisch. Die Provinz wird Investitions- und Umsetzungsraum, doch die Dörfer fühlen sich mit ihren Bedürfnissen alleingelassen. Während Windräder und Solarparks vorangetrieben werden, verschwindet andernorts seit Jahren Infrastruktur - Krankenhäuser, Jugendklubs, Gasthöfe, also jene Orte, die Alltag und Gemeinschaft tragen. So entsteht ein Ungleichgewicht. Einerseits soll das Land Nahrung und Energie produzieren, andererseits interessiert sich oft kaum jemand dafür, was hier fehlt.
Der gängigen Erzählung vom Abgehängtsein widerspricht Möller gleichwohl entschieden. Zu Recht zeichnet er ländliche Regionen als unterschätzte Wirtschaftsmotoren. Fernab der Konzernzentralen sitzen hier Mittelstand, Handwerk und die sogenannten Hidden Champions, die in Sonntagsreden gern beschworen, aber im Alltag selten genauer betrachtet werden. Sie schaffen seit Jahrzehnten Wertschöpfung, Beschäftigung und Ausbildung, oft in Familienbetrieben über Generationen. Nicht millionenschwere Start-ups oder gläserne "Innovation Hubs" geben den Ton an, sondern Werkstätten und Höfe, Klempner und Tischler, Maschinenbauer und Zulieferer. Das ist weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig.
Zugleich sind ländliche Regionen verwundbar. Viele Betriebe können ihre Arbeit nicht wie ein Großkonzern ins Ausland verlagern, die Landwirtschaft schon gar nicht. Bürokratie und neue politische Vorgaben treffen sie ins Mark. Und wer sich ohnehin als wenig gehört erlebt, empfindet zusätzliche Lasten schnell als Missachtung. Das hat, sagt Möller, Folgen für die Zustimmung zur Demokratie, in Dörfern und Städten gleichermaßen. Der gefühlte Zustand der Wirtschaft spielt eine zentrale Rolle. Wer raus aufs Land fährt und mit Menschen spricht, erfährt eine Menge über den Zustand der Demokratie.
"Die Unterschätzten" ist keine Anklage gegen Städter allein. Möller plädiert dafür, dass die Menschen auf dem Land ihren Blick weiten. Auch dort gibt es Echokammern, vorschnelle Urteile und eine ausgeprägte Opfererzählung, etwa unter Landwirten. Nicht nur meckern und auf bessere Zeiten warten, sondern auch machen: Diese Devise kommt in dem Buch bisweilen zu kurz. Der Autor schildert dennoch erfrischend unaufgeregt, was ist; stets faktensicher, manchmal melancholisch, aber nie illusorisch. Die Kindheitserinnerungen des Autors aus dem Osten berühren. Frisierte Mopeds, ausgenommene Fische, Schnäpse am Küchentisch. Auf dem Dorf werden Erinnerungen geschrieben. "Froh zu sein, bedarf es wenig", zitiert der Autor seinen Vater. Das trifft auf die Provinz zu, wenn auch früher mehr als heute.
Am Ende ist das Buch eine Einladung, genauer hinzusehen und wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Es wirkt damit wie ein Gegengift gegen den Kulturkampf nach amerikanischem Muster, der urbane Eliten und ein angeblich "vergessenes Land" zu Gegnern erklärt. Stadt und Land trennt womöglich weniger, als sie verbindet, sobald man aufhört, Ignoranz mit Weltläufigkeit zu verwechseln. Das Buch appelliert dafür, Entwicklungen außerhalb der Metropolen politisch ernster zu nehmen, auch um Spaltung vorzubeugen. In einem Jahr, in dem in Ostdeutschland gewählt wird, ist dieses Buch relevanter denn je. ANNE KOKENBRINK
Andreas Möller: Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet. Rowohlt. Berlin 2026, 208 Seiten
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