
Besprechung vom 26.03.2026
Sinkt der Pegel, beginnt das Zittern
Die Gefahr zu sterben ist real: Christoph Peters erzählt in seinem neuen, autobiographischen Roman "Entzug" von der Hölle des Alkoholismus - und wie er ihr entkam.
Über Joseph Roth gibt es eine Anekdote, die so traurig ist wie sein Leben. Der österreichische Schriftsteller saß während seines Pariser Exils im Café und kippte Glas um Glas, als Otto von Habsburg plötzlich vor ihm stand, der vertriebene Thronfolger, den Roth verehrte. Freunde hatten ihn geschickt, Roth vom Trinken abzuhalten, doch der winkte ab. Roth wollte sich nicht retten lassen, nicht von der Geschichte, nicht vom Erzherzog, nicht einmal vom eigenen Schreiben an der "Legende vom heiligen Trinker". Kurz darauf starb er - 44 Jahre alt - an den Folgen seiner Alkoholsucht.
Man erinnert sich an diese Szene anlässlich von Christoph Peters' neuem Roman "Entzug", auch wenn dessen Erzähler Roth nicht im Gepäck hat. Er bringt anderes mit, als er sich in die Entzugsklinik einweisen lässt, Rilke, holländische Krimis und Malcolm Lowrys Trinker-Roman "Unter dem Vulkan". Und er bringt erzählerisch mit, was Alkohol-Literatur sonst gern als Aura überhöht. Den quälenden und körperlich wie sozial zermürbenden Alltag eines Säufers.
Fünfundzwanzig Jahre lang hat dieser Erzähler getrunken. Mit sechzehn fing er an, im Dorf, wo Schnaps und Biere zum Alltag gehörten. Inzwischen befindet er sich in der Endphase, in der es nur noch darum geht, den Pegel nicht absinken zu lassen, was der erste Teil des Romans beklemmend dicht beschreibt. Dass er sich eines Tages ins Berliner Philipp-Nicolai-Krankenhaus in der Wesenbergstraße einweisen lässt, grenzt an ein Wunder. Die unspektakuläre Adresse wird zum Schauplatz eines Kampfes um Leben und Tod. Er würde heute vermutlich nicht mehr leben, hätte er damals nicht die Notbremse gezogen.
Die Romanfigur ist Schriftsteller, aufgewachsen am Niederrhein, Internat, Kunststudium, Berlin, Familie. Die Parallelen zu Peters sind nicht als Rätsel, sondern als Zumutung zu verstehen. Hier schreibt einer, der sich nicht hinter der Fiktion verstecken will, auch wenn "Roman" auf dem Cover steht. Von der Familie ist fast durchgängig als "die Frau" und "das Kind" die Rede. Das ist nicht Kälte, sondern Symptom. Wer im Alkohol lebt, verliert die Nähe. Er ersetzt Namen durch Funktionen, Personen durch Rollen, damit das System - Beschaffung, Konsum, Tarnung - nicht auffliegt.
Christoph Peters zeigt den Alkoholismus als Logistikproblem. Was früher Erleichterung verschaffte und manche Schreibblockade auflöste - Schnaps, Jägermeister, Grasovka, notfalls alkoholhaltige Tropfen aus der Hausapotheke -, ist längst zur Panikverwaltung geworden. Sinkt der Pegel, beginnt das Zittern, und es muss nachgeschüttet werden, damit niemand etwas merkt. In diesem letzten Stadium, dem Pegeltrinken, ist der Körper kein Rauschorgan mehr. Es geht nur noch darum, wann der Stoff zu beschaffen, wo er zu trinken und wie er zu verstecken ist.
Dass Literatur den Trinker mitunter als verletzlich-genialischen Helden ausstellt, kennt Peters' Erzähler nur zu gut. Er hat sich an den Mythen festgehalten. Haben Schiller, E. T. A. Hoffmann, Fallada, Uwe Johnson und eben Roth nicht auch getrunken? Und was ist mit Hemingway, Bukowski? Weil, wer schreiben will, brennen und sich ruinieren muss für die Kunst? Der Erzähler beschreibt dabei an einer Stelle in Kurzform jene Hölle, in der er als Gefangener seiner selbst sein Leben fristet: "Wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht."
"Entzug" erzählt nicht abstrakt über Sucht, sondern über einen Körper als Alarmanlage, die nicht mehr abschaltet. In einer unerträglich genauen Passage zählt der Kranke auf, wovor er alles Angst hat: vor dem Leben, dem Sterben, den Menschen, der Leere, dem ersten Satz, dem nächsten Satz, vor Finanzbehörden, Vollstreckungsbeamten, Obdachlosigkeit - und vor dem Zittern. Der dramatische Moment, der die häusliche Situation eskalieren lässt, bleibt in seiner nüchternen Beschreibung fast alltäglich. Plötzlich steht eine Wodkaflasche am helllichten Tag auf dem Küchentisch, als die Frau mit der Tochter aus der Kita zurückkommt.
Der Zufall entlarvt, der Erzähler leugnet. Dabei steht die Ehe unter der Drohung der Vergangenheit. Die Ehefrau ist als Fünfzehnjährige schon einmal vor einem trinkenden, gewalttätigen Vater geflohen. Sie würde wieder gehen, wenn sie Gewissheit hätte. Dann erreicht den Erzähler auch noch die Nachricht, dass sein neues Manuskript den Verleger nicht überzeugt. Scheitert der Text, gibt es keinen Autor mehr. Nur deshalb, weil das OEuvre in Gefahr steht, begibt sich der Erzähler überhaupt in eine Praxis. Jahrelang hatte er keine Ärzte aufgesucht vor lauter Angst aufzufliegen. Er geht zu einem beliebigen Arzt und bekommt - ohne Nachfragen - die Überweisung. Drei Wochen später beginnt die Entgiftung. Als er sich um elf Uhr vormittags in der Klinik anmeldet, hat er 2,3 Promille.
In diesem zweiten Teil steht, was "Entzug" von der klassischen Trinker-Literatur unterscheidet. Nicht das Trinken ist das Zentrum, sondern das Nichttrinken. Christoph Peters widmet der Ausnüchterung fast zwei Drittel seines Romans und damit dem literarisch Undankbaren. Es geht um Klinikalltag, Wiederholung, Regeln, Kontrolle. Weil die Gefahr zu sterben real ist, wird engmaschig überwacht. Niemand darf sich allein in einem Raum aufhalten. Gewohnt wird im Vierbettzimmer. Medikamente werden regelmäßig verabreicht, um den Entzug überhaupt überstehen zu können. Die Pillen kann der zitternde und geschwächte Erzähler nicht einzeln in die Hand nehmen, weshalb er sie alle auf einmal schluckt.
Der Suchtdruck ist immens. Perverserweise verlangt der Körper so drängend nach dem Gift, als wäre es lebensnotwendig, dabei ist es der Schluck zum Tod. Und der Therapeut warnt schon jetzt, was seine Patienten nach der Klinik erwartet: Die Rückfallquote bei Alkoholikern liegt bei neunzig Prozent. Gerade hier, im zweiten Teil, leistet Peters' Buch etwas. Es nimmt der Idee, der Entzug müsse dramatisch sein, jeden Trost. Der Alltag in der Klinik ist stur, unerquicklich, oft banal. Literarisch lässt er sich kaum anders als protokollarisch fassen. Der Autor versucht gar nicht erst, daraus große Literatur zu stricken, darin liegt seine Stärke. Der Text will nicht glänzen, er will bezeugen. Nicht stilistischer Furor, sondern Genauigkeit tragen ihn.
"Entzug" ist kein dionysischer Rausch, sondern eine mühselige Chronik des Aufhörens. So entsteht ein Roman, der nicht moralisiert und in seiner Wahrhaftigkeit doch sehr wirkt. Weil er die Selbsttäuschungen der Sucht nicht von außen verurteilt, sondern von innen sichtbar macht. Und so ist "Entzug" kein Denkmal, kein Nachruf auf den "heiligen Trinker". Peters zeigt vielmehr, was Alkoholismus ist: Angst, Scham, Tarnung, körperlicher Verfall - und der fast skandalös unspektakuläre Versuch, am Ende einfach nur nicht zu sterben.
Wer das liest, versteht, dass die Rettung nicht die große Geste, nicht der Erzherzog, nicht die Legende ist. Rettung ist, wenn überhaupt, ein Bett, ein Protokoll, Kontrolle - und die Entscheidung, sich retten zu lassen, obwohl man sich schon aufgegeben hatte. SANDRA KEGEL
Christoph Peters: "Entzug". Roman.
Luchterhand Literaturverlag, München 2026. 400 S., geb.
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