Nur 128 Seiten, aber ein kleiner Schatz!
Die schwedische Malerin Anna Boberg (1864 ¿ 1935) traute sich was: Es war zu dieser Zeit nämlich doch sehr ungewöhnlich für eine Frau und noch dazu für eine verheiratete, allein zu reisen, aber gut 30 Jahre fuhr Anna im Winter auf die Lofoten zum Malen. Sie war mit dem bekanntesten und produktivsten schwedischen Architekten Ferdinand Boberg verheiratet, leider kinderlos, und arbeitete auch mit ihm zusammen. Doch ihre Leidenschaft fürs Malen ließ sie alle Beschwernisse eingehen, so stark war ihr Verlangen danach.Die französische Autorin Sophie van der Linden schlüpfte in ihre Haut und lässt uns an einer ihrer letzten Reisen, Anfang der 30iger Jahre, teilhaben. Übersetzt wurde dieses schmale Buch von Valerie Schneider und vom mare-Verlag herausgebracht ¿ ein Garant für sehr gute und interessante Bücher!Und wir werden auch sofort reingeworfen mit der Szene, als Anna sich durch den Wecker wecken ließ, um die Polarlichter nicht zu verpassen. Sie beschreibt, wie sie schnell aufsteht, sich anzieht, sich die Malsachen schnappt und loszieht. Auf einem Felsvorsprung steht sie dann wartend, den Pinsel erhoben und ¿dann kamen die Lichter wie ein Crescendo, allen voran die üblichen, leicht gelb eingefärbten Grüntöne. Ein Schleiertanz á la Loié Fuller, zart und verführerisch. Mehr und mehr wurden sie entfesselt¿¿¿¿¿.`So fasziniert ich von dieser Beschreibung war, hatte ich doch Sorge, ob das jetzt das ganze Buch so weitergeht ¿ das wäre mir doch etwas zu einseitig geworden! Geht es aber nicht! Bei dieser Fahrt (sie weiß, es wird eine ihrer letzten sein) erfahren wir durch ihre Erinnerungen: wie diese Liebe zu den Lofoten entstand, von der innigen Beziehung zwischen dem Ehepaar Anna und Ferdinand, so dass er sie, wohl schweren Herzens, weil er auf das Zusammensein mit ihr verzichten muss, jedes Jahr ziehen lässt. Er entwarf bald für sie eine komfortable Hütte (mit 7 Fenstern!), damit sie mit allen Annehmlichkeiten versorgt ist und sich wohlfühlen kann.Wir lesen von ihrer Jugend mit Familienreisen, z.B. nach Andalusien und ihrem 1. Drang zum Malen in der Alhambra, vom Ausreißen als 17-Jährige aus einem Schweizer Mädchen-Pensionat, ihren Bezug zu Paris durch das Ehepaar Garnier, das Kennenlernen von Ferdinand, ihren gemeinsamen Reisen und die Wirkung ihrer ¿Winterfeldzüge auf die Lofoten` auf andere: ¿Meine Reisen verleihen mir anscheinend etwas Wildes, von dem sie lieber nichts gewusst hätten. Ohne die Unterstützung unserer Künstlerfreunde, Prinz Eugen an erster Stelle, wäre ich ohne Zweifel schon lange aus der guten schwedischen Gesellschaft ausgeschlossen worden.¿Als Laie war ich überrascht, welche Schwierigkeiten es allein bereitet, das richtige Weiß fürs Malen auszuwählen ¿ zeigen doch die weißen Ölfarben eine große Tiefe und viel Feinheit. Anna hatte die Wahl zwischen ¿Titanweiß`, das ¿Zinkweiß` und ¿Perlweiß`.Sehr beeindruckend fand ich auch Annas Begegnung mit dem alten Ehepaar in einer Berghütte, in der alles nach Verwahrlosung und Verfall roch. Was konnte ¿der ungepflegte, gedemütigte alte Löwe mit Geigenhänden` jedoch für eine Geschichte erzählen, in der eine Stradivari eine wichtige Rolle spielte!Ja, dieses schmale Buch hat nur insgesamt 128 Seiten, aber es besticht durch stimmungsvolle Naturbeschreibungen, kenntnisreiche Details aus dem Leben von Anna Boberg (und ihrem Mann) und vielem mehr. Ich werde nach dieser Lektüre Ausschau nach ihren Bildern halten und empfehle dieses Buch wärmstens - fünf Sterne vergebe ich völlig überzeugt an diese kleinen Schatz!