,Ich bin so allein, dass der Klang meiner Stimme mich überrascht, wenn mir mal ein Laut entweicht. Es scheint sich ein Unwetter zusammenzubrauen.#
Die sich da so allein fühlt, ist die schwedische Malerin Anna Boberg (1864-1935). Die französische Autorin Sophie van der Linden macht uns in ,Im Licht der Lofoten' mit ihr bekannt, im Februar 2026 bei mare erschienen. Anna Boberg entstammte einer Künstlerfamilie, war Keramikerin und Malerin und bildete sich weitgehend autodidaktisch aus. Besonders bekannt wurde sie für ihre Gemälde der arktischen Landschaften Nordnorwegens, vor allem der Lofoten, die sie über viele Jahre bereiste - gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Architekten Ferdinand Boberg, und allein (!), ja, mensch stelle sich vor: Anfang des 20. Jahrhunderts verbringt eine Frau allein ihre Zeit in einem winzigen Häuschen im höchsten Norden, um zu malen.
,Und doch habe ich manchmal das Gefühl, mich von dir losreißen zu müssen. Es braucht eine existentielle Dringlichkeit, die aus meinem tiefsten Inneren erwächst, damit es mir gelingt, ohne Bedauern zu gehen, oder fast ohne. Tief in mir entsteht dann das Bedürfnis, mich neu formieren.'
Dies hat wohl auch van der Linden fasziniert und sie verleiht Anna Boberg auf nicht einmal 120 Seiten eine Stimme, in der all dies mitklingt: die Weite, die eisige Kälte, die wahnsinnige Schönheit der Landschaft, das Licht, die Lust am Alleinsein, am Nachsinnen über sich selbst, am Malen. Mit den Reflexionen der Ich-Erzählerin Anna erfahren wir ihre Geschichte, die ihrer Ehe und ihres künstlerischen Werdens. Und lernen eine Frau kennen, die nicht nur aufgrund ihres Werks beeindruckt, sondern eben aufgrund ihres Mutes, sie selbst zu sein.
Noch ein Zitat (sie wurde mir so sympathisch!): ,Ich habe nichts von Indien verstanden. Gar nichts. Und ich habe nichts so sehr geliebt, wie dort durchgerüttelt, in meinen Gewissheiten erschüttert zu werden' - oh ja, das erinnert mich sehr an meinen eigenen Aufenthalt auf dem fremden Subkontinent. Manches verändert sich auch über mehr als 100 Jahre nicht. Nur die Gletscher, die Anna Boberg malte, die sehen wohl heute sehr anders aus. Schon deshalb: lesen!