Wenn das Leben den Bach runtergeht, neigt man schon mal dazu, etwas Verrücktes zu tun. Aber gleich eine Fahrradreise von Schweden nach Frankreich? Genau dazu entschließt sich die Protagonistin Eva, nachdem sie einen jungen verletzten Kranich gerettet hat. Erst will sie nur sicher gehen, dass er wieder auf die Beine kommt, und begleitet ihn einige Tage mit dem Fahrrad. Was als einfacher Akt der Fürsorge beginnt, dehnt sich zu einer gewaltigen Fahrradtour aus.
Eva folgt den Zugwegen der Kraniche und damit unweigerlich den Wegen ihrer eigenen Vergangenheit. Auf dieser physischen Strecke wird sie gezwungen, sich mit allem auseinanderzusetzen, was in ihrem Leben schief gelaufen ist: die zerbrochene Ehe, die Distanz zu ihrer Tochter, der geplatzte Traum von einer Musikkarriere.
Was mich an diesem Roman so fasziniert, ist, wie Julia Dibbern die innere und die äußere Reise perfekt miteinander verwebt. Die Strapazen des Radfahrens, die Erschöpfung, die atemberaubenden Landschaften, die inspirierenden Bekanntschaften - all das wird zum Spiegel für Evas Seele. So wie die Natur ihr Gesicht ständig verändert, findet auch bei Eva eine tiefgreifende Perspektivverschiebung statt.
Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen und den Moment spüren, in dem sie erkennt: Sie ist nicht mehr die Person, die sie vor diesem Abenteuer war. Manchmal muss man einen physischen Weg gehen, um einen emotionalen Neuanfang zu wagen. Das Ende war für mich rund und stimmig, aber es hat auch einen Nachklang hinterlassen: Ich wollte wissen, wie es mit Eva weitergeht.