Polarisierend, irritierend, verstörend. Grandios konstruiert und ein perverses Spiegelbild unseres digitalen Zeitgeistes.
Natalie Heller Mills ist ein Social Media Star. Als traditionelle, christliche Hausfrau und Mutter teilt sie auf Instagram Einblicke in ihr idyllisches Leben auf einer ehemaligen Rinderfarm, die sie mit ihrem Ehemann Caleb nach traditioneller Art wieder zum Leben erweckt, um dort Biogemüse anzubauen. - Die Fassade ist zu perfekt, um wahr zu sein. Es ist unglaublich schwierig, dieses Buch, dessen Inhalt und die kaum fassbare Vielschichtigkeit der zahlreichen aufgeworfenen Themen zu teilen, ohne dabei zu viel über die Geschichte zu verraten. Caro Claire Burke polarisiert mit dem Bild der Vorzeige-Hausfrau und -Mutter und reißt zur gleichen Zeit Gräben auf, die ich nur als schockierend bezeichnen kann. "Yesteryear" trifft den aktuellen Zeitgeist wie kaum ein anderes Buch, das ich in den letzten Monaten oder Jahren gelesen habe. Es drängen sich unbequeme, hässliche Fragen auf, inwieweit wir überhaupt noch willens sind, die auf Hochglanz polierten Fassaden der zahlreichen Plattformen kritisch zu hinterfragen, oder ob der eigene Schmerz, die eigene Überforderung nicht gerne der angenehmen Traum-Welt weichen darf (muss), von der wir im Grunde genommen wissen, dass es nicht wahr sein kann, würden wir nur genauer hinsehen oder darüber nachdenken. Die Story ist grandios konstruiert, die Charaktere glaubwürdig und lebhaft gezeichnet, sodass sich die knapp 500 Seiten Inhalt sehr kurzweilig lesen. Es ist eine bemerkenswerte Leistung, dass dieses Buch zugleich gefällig, spannend und eine schiere Zumutung zur gleichen Zeit darstellt. Tief beeindruckt von der Abartigkeit des Plots und dem Quäntchen Wahrheit, das sich darin findet, habe ich die Lektüre beendet. Der Hype um "Yesteryear" auf Social Media (wie passend!) mag überzogen erscheinen - im Kontext der Story fügt er sich jedoch nahtlos in eine neue Zeitrechnung ein, die wir selbst maßgeblich durch unsere Aufmerksamkeit mitgestalten. - Sehr lesenswert!