Was für eine Vorstellung! Du steigst genervt in dein Auto, fährst los, lässt bewusst dein Handy zu Hause, willst einfach raus, weg und verfährst dich. Verirrst dich. Gelangst in einen Wald, der Weg wird immer enger, Wenden ist unmöglich. Und dein Tank ist fast leer.
Nein, Von Vieh und Vögeln ist kein Krimi. Der neue Roman der 1971 in Madrid geborenen Autorin Pilar Adón, von Susanne Lange aus dem Spanischen übersetzt und im Februar 2026 bei Wallstein erschienen, erzählt auf 234 hochspannenden Seiten die Geschichte von Coro, die aus ihrem Alltag als Künstlerin fällt. Von Anfang an können wir herauslesen, dass dieser Alltag längst kaputt ist. Im Kofferraum ihres Autos hat Cora sechs Porträts ihrer Schwester. Bilder, die sie nie verkaufen wird. Das letzte Gesicht der Schwester, im Wasser treibend. Coro hat einen schrecklichen Verlust erlitten.
Nun gibt ihr Auto vor einem verschlossenen Tor den Geist auf. Man öffnet ihr und schließt das Tor wieder. Coro betritt einen mystischen Ort voller Hunde, mit einem See, über dem permanent Vögel kreisen, und einem Haus, in dem ausschließlich Frauen und Mädchen wohnen, die das gleiche Kleid tragen, die ihr Zuhause Betania nennen, die auf Coro gewartet zu haben scheinen und sie nicht wieder gehen lassen. Coro will weg und will es doch nicht. Ihr Widerstand schmilzt, eine Schwäche bemächtigt sich ihrer, Coro zerfließt in diese Landschaft, in ein Netz aus Fürsorge, Weltabgewandtheit und weiblicher Solidarität. Als ein Mann auftaucht, gerät die scheinbare Ordnung ins Wanken.
Pilar Adón versteht es in diesem in extrem ruhiger Sprache hochspannend erzählten Roman, uns mitzunehmen in ein Land jenseits von Raum und Zeit, das wir an der Seite von Coro mit staunendem Blick schwebend durchstreifen. Einen Ort, der keinen Ausgang hat, bevölkert von weiblichen Wesen und Tieren, einen atmenden Raum, der das Außen zum Innen macht. Oder andersherum?
Was für eine subtile Geschichte! Geradlinige Sprache, sensible Figurenzeichnung, spannend erzählt! Was will man mehr?