In ihrem Debütroman "Eine einfache Wahrheit" erzählt Corinna Krenzer von einer Tochter, die nach dem Tod ihres Vaters in das Dorf ihrer Kindheit zurückkehrt, um Familiengeheimnisse und verdrängte Wahrheiten ans Licht zu bringen. Vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Geschichte verbindet das Buch persönliche Trauer mit Fragen nach Erinnerung, Schuld und Selbstbestimmung.
To be honest: Der Roman & ich brauchten etwas Anlaufzeit. Im ersten Drittel fiel es mir in die Geschichte hineinzufinden. Doch je tiefer Janna in die Vergangenheit ihrer Familie eintaucht, desto stärker entwickelte der Roman dann doch noch eine Sogwirkung. Und irgendwann wollte ich unbedingt wissen, welche Wahrheit sich hinter dem Schweigen des Dorfes und den Tagebüchern ihres Vaters verbirgt.
Besonders gelungen fand ich, die Verbindung von persönliche Schicksale mit den politischen Umbrüchen der DDR. Die Geschichte zeigt, dass politische Systeme nicht nur Biografien verändern, sondern auch Familien prägen und Beziehungen über Jahrzehnte beeinflussen können. Dabei geht es nie allein um historische Aufarbeitung, sondern vor allem um die Frage, was Menschen aus Angst, Schuld oder Beschützerinstinkt verschweigen.
Die Vater-Tochter-Beziehung bildet den emotionalen Kern des Romans. Dass Janna selbst Schriftstellerin geworden ist, eröffnet zudem eine spannende Metaebene über das Schreiben als Form des Erinnerns. ...wer eignete sich besser, zwei Leben zu führen, als eine Schriftstellerin? (S. 74) Das Schreiben zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und wird hergenommen als Versuch, um Lücken zu füllen und dem Unsagbaren eine Sprache zu geben.
Ich hab mir einige schöne Sätze angestrichen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der hier: Der Mensch kann nur Mensch sein in vollständiger Freiheit, und wo Freiheit fehlt und Zwang herrscht, ist Menschbleiben die höchste Form des Widerstands. (S. 158). Dieser Satz verdichtet nicht nur die politische Dimension des Romans, sondern verweist auch auf seine zeitlose Aktualität.
Neben den Themen DDR, Ost-West und Erinnerungskultur greift die Autorin auch Fragen von Identität, Heimat, weiblicher Selbstermächtigung und Freundschaft auf. Besonders die verstörenden Bezüge zu den Hexenverbrennungen im Dorf verleihen der Geschichte zusätzliche Tiefe, zeigen, wie eng Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sein können und haben mich an "unsere" alemannische Tradition des Funkenabbrennens inklusive "Hexe" (schrecklich!) erinnert.
Fazit
"Eine einfache Wahrheit" ist ein ruhiges, atmosphärisches Debüt, das Geduld verlangt, diese aber belohnt. Wer literarische Familiengeschichten mit historischem Hintergrund und "menschelnden" Charakteren schätzt, sollte sich diesem Roman genauer anschauen. Mich hat er nach einem etwas zögerlichen Einstieg schließlich vollkommen abgeholt und mit seiner Verbindung von persönlicher und politischer Geschichte nachhaltig beeindruckt. Vielen Dank an den Kjona Verlag und Kirchner Kommunikation für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.