Die Bernsteinfischerin ist ein Roman, der mich in vielerlei Hinsicht sehr angesprochen hat - auch wenn mich nicht alles gleichermaßen überzeugen konnte. Besonders die Geschichte rund um Ebba, der wunderschön eingefangene Handlungsort an der Ostsee und die spannenden Einblicke in Bernsteine und Inklusenforschung haben dieses Buch für mich lesenswert gemacht.
Am stärksten fand ich eindeutig Ebbas Erzählstrang. Ihr Leben hat mich wirklich fasziniert: eine künstlerisch begabte Frau, die einen Großteil ihres Daseins damit verbringt, zu funktionieren, sich den Erwartungen ihrer Eltern zu beugen und die eigenen Wünsche immer wieder zurückzustellen. Gerade mit Blick auf die 1940er bis 1970er Jahre ist das sehr eindrücklich erzählt - und es hat mich traurig gemacht. Dass selbst ihre große Liebe Leo sie letztlich enttäuscht, macht ihre Geschichte nur noch bitterer und zugleich glaubwürdiger. Ebba ist für mich die eigentliche Kraft dieses Romans: widersprüchlich, verletzlich, eigenwillig und interessant bis zum Schluss.
Dazu kommt die Ostsee, die hier weit mehr ist als bloße Kulisse. Die Landschaft, das Licht, die Küste, das Meer und natürlich der Bernstein geben dem Roman eine ganz eigene Atmosphäre. Auch die wissenschaftliche Seite hat mir überraschend gut gefallen: Die Forschungen zu Inklusen und die Faszination für das, was über Millionen Jahre im Bernstein eingeschlossen bleibt, sind spannend in die Handlung eingebunden, ohne trocken oder belehrend zu wirken.
Weniger überzeugt hat mich dagegen Julika. Ihr Verlust und die Leere, die der Tod ihrer Schwester hinterlassen hat, sind absolut nachvollziehbar, und auch ihre Überforderung im Leben mit der kranken Mutter ist glaubhaft geschildert. Aber die Entwicklung rund um ihre Mutter empfand ich als wenig überzeugend. Dass eine Frau, deren Trauer und Depression sie über Jahre lebensunfähig gemacht hat und dadurch Mann und Tochter sechs Jahre lang an sie gefesselt hat, diese Lähmung dann scheinbar von einem Tag auf den anderen ablegt und plötzlich alles wieder gut ist - das wirkte auf mich schlicht unglaubwürdig. Gerade weil der Roman an anderen Stellen so sensibel mit Verlust, Enttäuschung und weiblichen Lebenswegen umgeht, fällt diese zu glatte Auflösung für mich besonders ins Gewicht.
Insgesamt trotzdem ein lesenswertes Buch - nur eben keines, das mich restlos überzeugt hat.