Die Bernsteinfischerin von Lisa Quentin, herausgegeben bei Ruetten & Loening, hat mich von der ersten bis zur letzten der insgesamt 397 Seiten gefesselt. Es ist ein aufwühlender Roman, der die Geschichte zweier außergewöhnlicher Frauen erzählt, deren Schicksale sich auf ungewöhnliche Weise kreuzen. Der Autorin gelingt es, die Geschichte auf zwei unterschiedlichen Zeitebenen parallel zu erzählen und die Fäden geschickt miteinander zu verknüpfen, was das Lesen umso spannender machte. Die Vergangenheit erzählt von der kleinen Ebba Bredow, die 1943 mit ihrem Vater Kasimir im Samland frühmorgens am Strand nach Bernsteinen sucht. Die Steine werden ans Militär verkauft und damit der Lebensunterhalt gesichert. Ebba liebt das Meer, und das, was es an Land spült. Und so findet sie einen ganz ungewöhnlichen Stein, den sie, völlig fasziniert, heimlich für sich behält und bei ihrem Freund Leo versteckt. Wie sich später herausstellen soll, birgt der Bernstein eine ganz seltene Wespenart in sich. Das findet die junge Wissenschaftlerin Julika heraus, die als Bernsteinforscherin an einem Frankfurter Institut für ihre Doktorarbeit forscht. Sollten sich ihre ersten Vermutungen bestätigen, würde dieser bemerkenswerte Stein alles bisherige erdgeschichtliche Wissen revolutionieren und wäre eine Sensation. Ihre Arbeit gibt Julika Halt und Kraft und lenkt sie von ihren familiären Sorgen ab; Zuhause hat sie eine hochgradig depressive Mutter, die den Tod von Julikas jüngerer Schwester nie überwunden hat und rund um die Uhr von ihrem Vater und ihr betreut werden muss. Privatleben hat Julika keines. Doch der aufsehenerregende Fund bringt auch Bewegung in ihr Privatleben. Die ehrgeizigen Recherchen führen Julika zu der mittlerweile hochbetagten Ebba, die einsam in einem Häuschen auf einer Klippe lebt. Fortan wird der Roman immer emotionaler, ich habe stellenweise mitgelitten, wenn es hochemotional wurde, gleichzeitig habe ich die herausragend ausgearbeiteten Hauptfiguren um ihre Stärke, ihr Durchhaltevermögen und ihren Mut bewundert. Was mir gut gefallen hat, ist, dass die Buchautorin dezent auch Zeitgeschichte rund um die Zeit des Krieges mit einfließen lässt, die Entwicklung des explodierenden Tourismus an der Ostsee einarbeitet oder aber einen Einblick in die Bernsteinkunde verschafft. Dabei gelingt es der Autorin hervorragend, Atmosphäre zu schaffen. Mit ihrem präzise beschreibenden, gefühlvollen, poetischen Schreibstil, versteht sie meisterlich, beispielsweise Ebbas und auch Julikas Faszination vom Meer zu transportieren. So hörte ich manchmal die Wellen rauschen, verspürte das Toben der unbändigen Stürme und die Urgewalt des Wassers, sog dabei gleichzeitig den Duft der salzig-feuchten Meeresluft ein. Phasenweise wurde ich auch hineingezogen in den Sog der Traurigkeit beider Frauen, wenn sie sich wieder einmal innerlich zerrissen fühlten zwischen der familiären Pflicht und ihren eigenen Träumen, die Lisa Quentin hier sehr eindringlich beschreibt. Während Ebba ihre Emotionen, Wünsche und Wut in ihrer Kunst ausdrückt, und aus Produkten, die das Meer an den Strand spült, in Bildern festhält, holt Julika in ihrem Beruf die Geschichten, die in den Bernsteinen verewigt werden, zutage. Symbolisch holt sie im Buch damit auch die Geschichte von Ebba aus der Vergangenheit, was letztendlich auch ihr Kraft verleiht und für sie zu einem befreienden Einschnitt in ihrem eigenen Leben führt. Dies ist ein ganz besonderer Roman, in dem eigentlich alles steckt, und der mit viel Herzblut einfach wunderbar geschrieben wurde. Wer einen Roman mit enormem Tiefgang und starken Figuren mag, der noch lange nacharbeitet, wird an diesem Buch seine Freude haben. Keine leichte Lektüre, sondern eine, die mich persönlich gefordert und fasziniert hat.