Sommer. Mitten im Villenviertel einer deutschen Kleinstadt steht auf einmal ein Zelt. Sophie von Clüver, das schwarze Schaf ihrer Familie, hat es vor ihrem Elternhaus aufgeschlagen. Ein weiterer Affront gegen ihre Eltern? Ein Hilferuf? Auf jeden Fall sorgt das Zelt für Gesprächsstoff in der Nachbarschaft. Die Frauen beginnen, sich Fragen zu stellen über Sophie und ihr Zelt, aber zunehmend auch über sich selbst und ihr eigenes Leben.
Annette Mingels richtet in ihrem Roman den Blick auf Sophie von Clüver und sieben weitere Frauen. Junge und alte, Mütter und Kinderlose, Ehefrauen und Witwen. Da ist zum Beispiel Greta, einst eine erfolgreiche Künstlerin, nach der Geburt ihrer Kinder ausschließlich Mutter und deren erneuten künstlerischen Ambitionen von ihrem Mann nur belächelt werden. Oder Hanne, eine ehemalige Säuglingskrankenschwester, kinderlos, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer Einsamkeit kämpft. Oder die junge Wanda, einst dick und immer noch geplagt von Unsicherheit und Neid auf die beste Freundin.
Es sind Frauen wie du und ich. Frauen, denen wir im echten Leben begegnen könnten. Mingels erzählt davon, was sie antreibt, was ihnen fehlt und wonach sie sich sehnen - nach Liebe und Anerkennung, nach Selbstbestimmung und danach, gesehen zu werden. Ich habe diese unterschiedlichen Frauen und ihre Lebenswege sehr gerne begleitet. Keine von ihnen ist perfekt und gerade das macht sie so glaubwürdig. Sie zweifeln, treffen Entscheidungen, machen Fehler und versuchen, ihren eigenen Weg zu finden.
Besonders gefallen hat mir, mit wie viel Feingefühl und Wärme Annette Mingels ihre Figuren betrachtet. Sie urteilt nicht und erhebt keinen Zeigefinger. Stattdessen lässt sie ihren Frauen Raum, mit all ihren Widersprüchen, Unsicherheiten und Sehnsüchten. Diese einfühlsame und menschliche Art des Erzählens hat mich sehr berührt.
Fazit: Ein vielschichtiger Roman über Umbrüche und Neuanfänge, über Familie und Beziehungen und über Entscheidungen, die unser Leben prägen. Und so wird ein Zelt, das zunächst nur die gewohnte Ordnung eines Villenviertels stört, zum Auslöser für etwas Größeres. Es bringt Verborgenes an die Oberfläche und manches im Leben dieser Frauen in Bewegung.