Nora Bossong kenne ich bisher als Schriftstellerin äußerst lesenswerter Romane. Man denke nur an Schutzzone und Reichskanzlerplatz.
Nun hat sie sich mit einem Essay zu einem ganz anderen Thema geäußert. Die bekennende Christin - Nora Bossong ist Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und engagiert sich stark in ihrer eigenen Gemeinde - legt mit Welt mit anderen Mitteln ein leidenschaftliches Plädoyer für einen aufgeklärten Glauben dar. Sie ist der Überzeugung, dass wir gerade in unseren erschöpften Zeiten mehr der Religion bedürfen.
Auslöser für dieses Buch war der überraschende Tod ihres Vaters, der ihr zeigte, wie gerade in einer solchen Situation die vertrauten Rituale der Kirche Trost und Halt geben
Die Autorin versteht unter Religion weitaus mehr als christliche Werte. Kirche ist keine NGO, Religion ist kein weiteres Wellness-Programm. Religion denkt über das Hier und Jetzt hinaus.
Zwar suchen viele in unserer heutigen Welt nach Sinn, nach Sinnhaftigkeit. Wir sind überfordert von der Allgegenwart aktueller Probleme. Das lässt manche ihre Zuflucht finden bei populistischen Heilsversprechern. Andere versuchen durch Konsum die Leere ihres Lebens zu überdecken. Doch für Nora Bossong kann das nicht die Antwort sein. Ihr Blick geht über die reine Endlichkeit hinaus.
Anders als Marx, der von der Religion als Opium fürs Volk spricht, wünscht sich Nora Bossong keine narkotisierende Hoffnung. Stattdessen eine Hoffnung aus dem Himmel, Zuversicht auf der Erde , so fasst sie die Vorstellung vom Reich Gottes auf. Hoffnung als das, was über unsere Macht hinausgeht; Zuversicht hingegen als das, was wir auch in der Hand haben. Und in diesem Sinne sollten wir unseren Gestaltungsauftrag ernst nehmen, Verantwortung übernehmen, aber mit der Demut, dass wir nicht alles bestimmen können . Wir können etwas ändern, nur nicht alles und nicht alles allein. Das nimmt uns das Gefühl der Hilflosigkeit und Resignation, lässt uns dabei aber realistisch bleiben.
Zwar verschließt Nora Bossong nicht die Augen vor all den Verfehlungen der Institution Kirche, sieht, wo sie schuldig geworden ist, benennt ihre Mängel und Versäumnisse. Angefangen bei den unzähligen Missbrauchsvorfällen über Machtmissbrauch innerhalb der Kirche, den Umgang der katholischen Kirche mit gleichgeschlechtlich Liebenden bis zur Stellung der Frauen- all das ist ihr bewusst, kritisiert sie. Trotzdem hält sie daran fest, dass der institutionelle Glaube vielfältige Möglichkeiten bietet und jeder Gläubige sich einbringen sollte, um Veränderungen zu bewirken .
Auf keinen Fall dürfen wir die Religion denjenigen überlassen, die sie für ihre politischen Ziele instrumentalisieren.
Ein Kapitel widmet die Autorin der Theodizee -Frage, also der Frage, wie das Leid in der Welt sich mit der Existenz eines allmächtigen und gütigen Gottes vereinbaren lässt. Diese Frage stellt sich nach den Verbrechen des Zwanzigsten Jahrhunderts anders als in der Antike oder im Mittelalter.
Nora Bossong greift viele Themen auf in ihrem klugen und nachdenkenswerten Essay. Dabei verknüpft sie persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen, philosophischen und theologischen Fragen. Es ist kein Text, der sich leicht und schnell wegliest, das soll er auch nicht sein. Dieses Buch lohnt sich für jeden, der bereit ist, sich mit Religion und Glauben auseinanderzusetzen und einen eigenen Weg dazu sucht.
Mir jedenfalls wäre die Welt ohne Himmel zu eng