
Besprechung vom 22.06.2026
Satan war Vorbild
James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner" (1826)
Mit Schwierigkeiten für seinen Roman "Der letzte Mohikaner" hat James Fenimore Cooper gerechnet. Im Vorwort von 1826 unterstreicht er, es sei ein Bericht, keine romantische Erfindung, was er vorlege. Nichts für junge Damen, nichts für zerstreuungsbedürftige Junggesellen, nichts für Geistliche, die Besseres zu tun hätten. Der Ausgabe von 1831 stellt er die Bemerkung voran, fast alle Stämme der Wapanachki, die von den Kolonisatoren Delawaren oder Mohikaner genannt würden, seien jetzt, siebzig Jahre nach der Handlung des Romans, der schon im Titel von ihnen Abschied nahm, verschwunden.
Sie wurden im Siebenjährigen Krieg zwischen Frankreich und England, der in Nordamerika neun Jahre dauerte, aufgerieben. Delawaren schlugen sich auf die Seite der Franzosen, um sich aus der Herrschaft der Irokesenliga zu befreien. Die Irokesen ihrerseits spalteten sich in englandfreundliche Mohawks und Frankreich unterstützende Seneca, wobei sich der Stamm der Seneca wiederum spaltete. In der Schlacht am Lake George entkamen Briten dem französischen Hinterhalt nur, weil die Mohawks an ihrer Seite von Stammesbrüdern auf der französischen gewarnt worden waren. Es war ein Krieg aller mit allen und gegen sich selbst.
Cooper erzählt von den verstörenden Umständen dieser Konflikte, von aufgeblasenen Engländern und hungernden Ureinwohnern, vom Versuch der Kolonisatoren, die Stämme einerseits in Dienst zu nehmen, sie andererseits zu unterdrücken, von Indianern, die zuerst betrunken gemacht wurden und danach ausgepeitscht für das, was sie im Suff angerichtet hatten. Der Hurone Magua, dem das widerfuhr, revanchiert sich, indem er mit seinem Stamm zwei englische Offizierstöchter entführt, um eine davon zu besitzen. Der Roman ist die Geschichte des für den Entführer, für einen Mohikaner und für die auserwählte Dame tödlich endenden Versuchs, sie zu befreien. Seine Helden sind Männer, die keinem Volk angehören, der Jäger Natty Bumppo und der vorletzte Mohikaner Uncas.
Als historischer Roman führt "Der letzte Mohikaner" vor, wie die Vereinigten Staaten entstanden, indem die Welt der Ureinwohner nicht zuletzt dadurch zerstört wurde, dass sie in den Krieg der Kolonialmächte hineingezogen wurden. Er zeigt, wie ein stolzer Häuptling der Trunksucht verfällt, den eigenen Stamm verrät, von den Engländern gedemütigt wird und als "Fürst der Finsternis" durch Inbesitznahme der Offizierstochter, deren Mutter in der Mitte des Romans sich als eine afro-karibische Frau herausstellt, die Engländer seinerseits demütigen will. Cooper hat ihn ganz nach John Miltons Satan modelliert.
Die edlen Wilden sind also eine radikale Minderheit, die korrumpierten Wilden überwiegen. Nicht minder korrumpiert sind die Kolonialtruppen, die sich viel auf ihre moralische Mission einbilden. Das Land und seine Gewässer, für Cooper Sehnsuchtsorte seiner Kindheit, sind ihre Schlachtstätten. Eines der häufigsten Worte im Roman ist "blutig". In seinem Zentrum steht ein historisch verbürgtes Massaker der Franzosen und ihrer indianischen Verbündeten an britischen Soldaten. Unschuldig ist in ihm niemand.
D.H. Lawrence hat in einem Aufsatz über die Lederstrumpf-Erzählungen, deren zweiter Teil der Roman ist, über den Amerikaner gesagt, er sei "hart, isoliert, stoisch und ein Killer". Das passt sogar auf den Trapper Bumppo, der "die Gesetze des Waldes" beschwört und folglich rücksichtsloser ist denn je. Wir halten den grausamen Bericht über eine von Gewalt vergiftete Zivilisation in Händen. Deshalb riet Cooper jungen Frauen von der Lektüre ab. JÜRGEN KAUBE
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben. Schreiben Sie die erste Bewertung zu "Der letzte Mohikaner" und helfen Sie damit anderen bei der Kaufentscheidung.