Mehr als 800 Seiten Napoleon klingen zunächst ein wenig nach freiwilligem Nachsitzen im Geschichtsunterricht. Doch Adam Zamoyski schafft es erstaunlich schnell, aus dem berühmten Kaiser wieder einen Menschen zu machen. Einen ehrgeizigen, empfindlichen, manchmal brillanten und gelegentlich ziemlich anstrengenden Menschen.
Besonders gefallen hat mir, dass Napoleon hier weder als strahlender Überheld noch als eindimensionaler Größenwahnsinniger dargestellt wird. Zamoyski schaut hinter die sorgfältig aufgebaute Fassade und zeigt einen Mann, der seine Wirkung auf andere genau kannte, gleichzeitig aber immer wieder von Unsicherheit, Eitelkeit und beinahe kindlicher Kränkung getrieben wurde. Da sitzt man beim Lesen manchmal da und denkt sich: Dieser Mann beherrschte halb Europa, aber seine eigenen Gefühle eher nur an guten Tagen.
Die vielen Briefe, Erinnerungen und kleinen Anekdoten bringen unglaublich viel Leben in die Geschichte. Schlachten und politische Entscheidungen spielen natürlich eine wichtige Rolle, doch mindestens genauso spannend fand ich die persönlichen Beziehungen, die Machtspiele und Napoleons unerschütterlichen Glauben an die eigene Bedeutung.
Ganz leicht macht es das Buch einem trotzdem nicht. Die Fülle an Namen, Feldzügen und diplomatischen Verwicklungen kann einen gelegentlich überrollen. Manchmal hätte ich mir einen Schritt zurück und etwas mehr Überblick gewünscht, bevor schon das nächste historische Pulverfass explodiert.
Trotzdem liest sich diese Biografie erstaunlich flüssig und immer wieder sogar richtig unterhaltsam. Am Ende bleibt kein Denkmal auf seinem Sockel stehen, sondern ein widersprüchlicher Mensch, dessen Leben tatsächlich mehr Stoff bot als so mancher Roman. Ein mächtiges Buch über einen kleinen Mann mit einem verdammt großen Schatten.