
Wie in einem Dorf im Schwarzwald die Bundesrepublik entstand
Das Schwarzwalddorf
Saig über Titisee
wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Rückzugsort für Intellektuelle, Künstlerinnen, Industrielle, Verfolgte und Widerständler: Martin Heidegger, Edmund Husserl, Otto Dix, Marie Luise Kaschnitz, Hanns Martin Schleyer, Generaldirektoren deutscher Konzerne, Stars der Babelsberger Studios, Stauffenberg-Vertraute und Bildhauer aus dem Umfeld Hitlers sie alle verbringen Zeit an diesem abgeschiedenen Ort im Hochschwarzwald. Was wie ein historischer Zufall wirkt, entpuppt sich als
Schlüsselkonstellation für die deutsche Nachkriegsordnung
. Inmitten traumhafter Natur kreuzen sich hier Wege und Weltanschauungen und wichtige Entscheidungen, die die junge Bundesrepublik prägen werden, fallen genau hier. Saig wird dabei zum
Symbol des Widerstands, der Hoffnung und der intellektuellen Erneuerung.
Von den kulturellen Experimenten der Weimarer Republik über die Schrecken des Nationalsozialismus bis hin zur demokratischen Neuordnung nach 1945 Gunilla Eschenbach und Rainer Bayreuther zeichnen
anhand von exklusivem Archivmaterial
mit großer
erzählerischer Wucht
ein
epochales Porträt deutscher Geschichte.
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Besprechung vom 30.06.2026
Nachdenken in Saig
Nach dem Ersten Weltkrieg trafen sich in einem Schwarzwalddorf Intellektuelle und debattierten über Politik und Philosophie.
Saig im Hochschwarzwald, rund ein Kilometer vom Titisee entfernt gelegen, liegt mit rund 800 Einwohnern auf rund 1000 Meter Höhe und ist seit Jahrzehnten ein Ziel für den Fremdenverkehr. Doch Saig hat mehr zu bieten. Die Literaturwissenschaftlerin Gunilla Eschenbach und der Musikwissenschaftler, Philosoph und Theologe Rainer Bayreuther erzählen in einem dicht geschriebenen und tief recherchierten Buch eine spannende Intellektuellengeschichte des heute zu Lenzkirch gehörenden Streudorfs.
Ihre chronologische Aneinanderreihung von Szenen beginnt kurz nach dem Ersten Weltkrieg mit der Familie des Bildhauers Franz Klimsch, die sich auf dem Hierahof einmietet, und mit dem im nahen Freiburg lehrenden Philosophen Martin Heidegger und seinen Bewunderern, die es ebenfalls immer wieder in den Hochschwarzwald zieht. Eschenbach und Bayreuther berichten über gemeinsames Denken und Philosophieren, über komplizierte Familienverhältnisse und außereheliche Affären. Abstand zu diesem lebenslustigen Milieu hält der ebenfalls in Freiburg lehrende Historiker Gerhard Ritter, der in Saig ein "Ritterhorst" genanntes Haus baut. Aber auch der Philosoph Edmund Husserl, der Maler Otto Dix und die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz halten sich immer wieder dort auf.
Seinen Untertitel "Aufbruch in die Bundesrepublik 1927-1947" rechtfertigt das Buch mit der Ankunft des Berliner Verlegers Erich Stückrath und des Frankfurter Journalisten Benno Reifenberg in den frühen Vierzigerjahren. Stückrath, dem es im Berlin der Kriegsjahre mulmig wird, mietet das sogenannte Judenhäusle, das der in der Schweiz lebenden Heidegger-Studentin Käte Victorius gehört und in dem zuvor mehrere Jahre zurückgezogen die Kinderärztin Johanna Geissmar gelebt hat. Im Oktober 1940 wird sie von der Gestapo abgeholt und in das südwestfranzösische Internierungslager in Gurs gebracht. Der Nationalsozialismus macht keinen Bogen um den Hochschwarzwald. Freiwillig besteigt Geissmar im Winter 1942/43 einen Zug nach Auschwitz, um von ihr behandelte Kinder zu begleiten und nach Verwandten zu suchen. Sie kehrt niemals zurück.
Reifenberg, der viele Jahre in leitender Stellung für die Frankfurter Zeitung tätig gewesen ist, arbeitet seit Sommer 1943 zurückgezogen in dem im nahen Neustadt gelegenen Hirnforschungsinstitut von Oskar und Cécile Vogt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird Saig zum Gründungsort der "Gegenwart", einer seit Dezember 1945 erscheinenden Halbmonatsschrift für die gebildeten Stände, mit der Reifenberg und eine Reihe früherer Kollegen die Zeit bis zu einer Neugründung der 1943 geschlossenen "Frankfurter Zeitung"
überbrücken wollen. Sie ist getragen von einem Geist, der die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit nicht den Siegermächten überlassen will.
Obgleich die "Gegenwart" von Stückrath in Freiburg gedruckt und verlegt wird, finden die von Reifenberg geleiteten Redaktionskonferenzen häufig im Saiger Gasthaus "Zum Ochsen" statt. Sie beschäftigen sich mit den Nürnberger Prozessen, der sich abzeichnenden deutschen Teilung, den Aussichten der liberalen Demokratie und der Westbindung jenes Teils des Landes, auf den die Sowjetunion keinen Zugriff hat.
Die Reisen von Freiburg nach Saig erfordern Mühe und Zeit, dafür ist die Verpflegung im "Ochsen" reichhaltiger als unten in der Rheinebene. Nur Stückrath kann sich den seltenen Luxus eines Autos leisten. Die meisten anderen Besucher fahren mit der Höllentalbahn von Freiburg zum Titisee und dann weiter mit dem Pferdefuhrwerk, sofern sie nicht vom See nach Saig laufen. Im Winter erweisen sich auf der Höhe Ski als das geeignetste Verkehrsmittel.
Die frühen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bringt Besucher aus den frühen Zwanzigerjahren zurück nach Saig, Mitglieder der Familie Klimsch ebenso wie frühere Studenten Heideggers, darunter Vilmos Szilasi, der nun in Freiburg Philosophie lehrt. Auch der Historiker Ritter zählt weiter zu dem Kreis, ebenso Eduard Schafeljew, ein ehemaliger Manager, der später zu einem Mitarbeiter Ludwig Erhards wird. Ihre Gespräche verbindet eine Unsicherheit, die das Leben in der Diktatur gekennzeichnet hat und die mit dem Kriegsende nicht verschwindet. Einzelne zerbrechen an den Lebensumständen. Die Mehrheit diskutiert und erlebt die Besatzungszeit unter den Franzosen, die Währungsreform von 1948 und die Gründung der Bundesrepublik Deutschland, die sie aus dem stillen Hochschwarzwald in ein neues Leben entlässt. GERALD BRAUNBERGER
Rainer Bayreuther/ Gunilla Eschenbach: Das Dorf der Visionäre. Aufbruch in die Bundesrepublik 1927-1947.
Gutkind Verlag, Berlin 2026. 464 S.
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