Die junge Ärztin Novana wurde vor 18 Jahren von ihrer Mutter einfach in Deutschland zurückgelassen, wuchs in einer Pflegefamilie auf. Mit ihrem Pflegebruder Theo war sie zusammen, brach jedoch urplötzlich alles ab, um in Taiwan einen Neuanfang zu wagen.
Dabei war alles, was ich sagen wollte: Taiwan ist wichtig. Vergesst dieses Land nicht. Ich fühlte mich verantwortlich, dafür zu sorgen. Tatsächlich kannte ich das Land nur von M. und ihren leidenschaftlichen Liebes- und Hasserklärungen. Ich kannte Taiwan nur im Zustand eines permanenten Kippbildes. Bevor ich nach Taipei ging, lernte ich es zu lieben, wie man nur ein Fantasieland lieben konnte.
In Taiwan hatte M. Sterne vom Himmel geholt.
In Taiwan, das hatte sie mir gesagt, war sie das letzte Mal so richtig glücklich gewesen.
Nichts davon konnte ich erzählen.
Novana arbeitet auf einer Intensivstation für Frühgeborene in Taipei. Nachts leidet sie unter Schlaflosigkeit; die Schicksale der Babys gehen ihr oft sehr zu Herzen.
Dass sie mir nichts erklären müsse, sagte ich leise.
Ich war nicht wütend. Ich wusste, dass eine Wut in mir existierte, aber sie war woanders. Nicht hier. Nicht zwischen Ärztin und Mutter einer Patientin. Ich wollte ihr sagen, dass sie sich wieder umentscheiden konnte. Dass sich Lianlian später freuen würde, wenn sie sie besuchen ginge. Dass Kinder nicht wählerisch mit ihren Eltern waren, es gar nicht sein konnten.
Ich schluckte, drehte mich um, schloss leise die Tür. Ich schaffte es nicht, meine Tränen bis zur Toilette zurückzuhalten. Sie liefen mir auf dem Flur die Wangen hinunter. Ich senkte meinen Kopf, ging zügig, ohne jemanden anzusehen.
Kinder nahmen, was sie bekommen konnten.
Als sie auf einem riesigen Werbedisplay in einem Einkaufszentrum ihre Mutter in der Künstlerin March wiedererkennt, ist das ein Schock für sie, der viele Erinnerungen wieder hochbringt, sie reagiert mit Panikattacken und Ängsten.
Als Novana bei einem Karaokeabend die lebensfrohe Aktivistin Sihan kennenlernt, scheint es für sie doch wieder die Möglichkeit von Nähe und Verbundenheit zu geben.
Doch Novana kann ihrer Vergangenheit nicht entkommen, während ihrer Mutter in ihrer Kindheit abwesend war, ist sie nun überall präsent Novana beschließt, die Kunstausstellung ihrer Mutter zu besuchen ...
Glaszeit von Leh-Wei Liao ist ein leises, aber sehr berührendes Buch, sprachlich wie inhaltlich.
Vor dem Hintergrund der der politischen Spannungen in Taiwan verbindet die Autorin eine sehr intensive Mutter-Tochter-Geschichte mit einer queeren Liebesgeschichte. Besonders die Situationen auf der Neugeborenen-Station und das Mutter-Tochter-Verhältnis gingen mir sehr nahe.
M. hat mir ein Leben geschenkt und Freiheit und die Möglichkeit eines anderen Landes. Mehr würde es nicht geben.
Vielen Dank an die Penguin Random House Verlagsgruppe und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!