Wir meistern den Alltag, gründen Familien und engagieren uns im Job oder in der Gemeinde. Und trotzdem bleibt da dieses leise Gefühl, innerlich überrollt zu werden So beginnt der Text auf der Rückseite von Zurück in seine Nähe und ich denke, irgendwie können wir uns darin alle wiederfinden.
Schon äußerlich macht das Buch einen sehr wertigen Eindruck. Der Hardcovereinband verstärkt diesen Eindruck noch. Wichtige Sätze sind im Buch zartgelb markiert, manche Gedanken haben ihren Platz auf einer eigenen gelben Seite. Die Gestaltung ist dabei angenehm zurückhaltend und fügt sich sehr schön in das Buch ein.
Denis Grams nimmt seine Leser an die Hand. Er zeigt Hindernisse auf, die uns von Gottes Nähe fernhalten können, und legt dabei so manches Mal den Finger genau in die Wunde. Er schreibt über etwas, das Vielen von uns fehlt: das Erleben der lebensspendenden und weltverändernden, berauschenden und zugleich beruhigenden Gegenwart Gottes. Dabei bleibt er nicht bei der Analyse stehen, sondern gibt ganz praktische und hilfreiche Anregungen, wie wir uns Gott wieder annähern können.
Die Gedanken verteilen sich auf fünf Kapitel, die sich allesamt gut und flüssig lesen lassen. Es geht um die vielen Dinge, die unsere Aufmerksamkeit binden: das Handy, soziale Medien, unsere zahlreichen Aufgaben und Verpflichtungen. Aber auch um die Frage, wie wir heute auf die Welt und auf Gott schauen.
Gerade hier begann für mich eine interessante, manchmal auch etwas zwiespältige Reise durch das Buch.
Denis Grams ist Jahrgang 1990 und könnte damit tatsächlich mein Sohn sein. Beim Lesen wurde mir immer wieder bewusst, wie unterschiedlich unsere Generationen geprägt sein können. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass ich manche Gedanken anders aufnehme als er sie vermutlich meint.
Besonders beschäftigt hat mich z.B. die Frage nach Wissenschaft und Schöpfung. Natürlich können wir heute vieles erklären, was frühere Generationen noch nicht verstanden haben. Wir wissen, welche biologischen Prozesse beim Aufblühen einer Blume ablaufen. Wir können erklären, wie die Jahreszeiten entstehen oder wie Leben funktioniert.
Aber bedeutet das, dass Gott darin weniger sichtbar ist? Ich glaube nicht.
Ich kann wissen, wie eine Blume biologisch wächst und gleichzeitig staunen: Gott hat sie geschaffen. Das eine schließt das andere für mich nicht aus. Im Gegenteil: Gerade die unglaubliche Komplexität und Schönheit der Schöpfung lässt mich über ihren Schöpfer staunen.
Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht tatsächlich ein Stück weit kindlich naiv, wie Denis Grams es an einer Stelle selbst beschreibt und er meint es dort ausdrücklich positiv. Mir wurde vorgelebt, dass Gott hinter allem steht: hinter den Jahreszeiten, dem Wachsen, der Schönheit und dem Reichtum der Natur. Ich muss nicht alles erklären, nicht alles wissen und auch nicht alles hinterfragen, um darin Gottes Wirken zu erkennen.
Und auch darin habe ich beim Lesen einen Unterschied zwischen unseren Generationen wahrgenommen.
Immer wieder kam bei mir deshalb der Gedanke auf: Vieles von dem, woran mich dieses Buch erinnert, weiß ich eigentlich schon. Ich kenne die Aufforderung, mich nicht von den vielen Stimmen dieser Welt ablenken zu lassen, sondern mich wieder auf Jesus auszurichten. Ich weiß um die Bedeutung von Gebet, Anbetung und Gottes Gegenwart.
Und doch ist Das weiß ich schon vielleicht nicht das Ende einer solchen Erkenntnis. Manchmal tut es gut, an Dinge erinnert zu werden, die längst zum eigenen Glauben gehören.
An anderen Stellen habe ich mich allerdings gefragt, ob die vom Autor beschriebenen Wege tatsächlich für jeden Menschen gleich aussehen müssen. Wenn es beispielsweise um die körperliche Dimension von Anbetung und einen lebendigeren Lobpreis geht, frage ich mich: Ist nicht auch ein stiller, im Sitzen gesungener liturgischer Gesang voller geistlicher Beteiligung Anbetung wenn er aus vollem Herzen kommt? Muss sich Lebendigkeit immer in einer bestimmten äußeren Form zeigen?
Vielleicht ist auch das meine persönliche Erkenntnis aus diesem Buch: Die Nähe zu Gott kann sehr unterschiedlich aussehen.
Meine eigene Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass ich losgehen darf. Gott geht mit. IMMER. Wenn ich eng bei ihm bleibe, führt er mich auch wenn ich das oft erst im Nachhinein erkenne.
Zwischen Gott und mir stehen keine Mauern, weil er sich von mir entfernt hätte. Manchmal fühle ich Entfernung. Manchmal baue ich selbst wieder Mauern auf. Aber Gott wartet nicht weit entfernt auf der anderen Seite. Er wartet darauf, dass ich die Mauern wieder einreiße und mich in seine Arme fallen lasse.
Zurück in seine Nähe hat mich leider nicht in jedem Punkt auf dieselbe Weise erreicht. Manches war mir vertraut, manches hat mich zum Nachdenken gebracht und manches hat bei mir Widerspruch oder Fragen ausgelöst. Aber vielleicht ist auch genau das eine Stärke des Buches: Es hat mich dazu gebracht, über meinen eigenen Weg mit Gott nachzudenken.
Und so war für mich dieses Buch weniger eine Entdeckung neuer Erkenntnisse als eine Erinnerung an Wahrheiten, die ich aus meinem Glaubensleben bereits kenne. Und vielleicht liegt genau darin seine Stärke. Es hat mich daran erinnert, dass Gottes Nähe nicht erst erarbeitet werden muss, sondern dass er längst da ist und auf uns wartet. Dafür bin ich dem Autor dankbar.