
Besprechung vom 15.04.2021
Gartenkunst ohne Mordverdacht
Neben der Dame im Tweedjackett mit dem Hündchen auf dem Arm posiert das Gärtnerteam mit Spaten und Schere, und das ist kein Zufall. Denn in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands, so heißt es, werde anders als in den benachbarten, durchgestylten Cotswolds bei den feinen Leuten noch ländlich zugepackt. Das Ergebnis sind bezaubernde Gärten, viele davon so geheim, dass sie nur an wenigen Tagen im Jahr geöffnet sind; der Anhang des Buches verrät, wann sich Gartenliebhabern diese rare Möglichkeit bietet. Auf den Garten des Bischofspalasts von Wells wird das eher nicht zutreffen, Hunderttausende besuchen ihn jedes Jahr. Dennoch liegt, wie im Untertitel versprochen, eine Aura von einschüchternder Exklusivität über den stillen Wasserspiegeln und der mächtigen Turmruine, zu der möglicherweise das Bewusstsein der Spaziergänger beiträgt, im Schatten der gotischen Kathedrale und unter den gestrengen Augen des Bischofs von Wells und Bath zu wandeln. Auch bei den übrigen Gärten handelt es sich nicht durchweg um Geheimtipps. Hestercombe ist der berühmte Garten von Gertrude Jekyll, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts zusammen mit dem Architekten Edward Lutyens stilbildend für die englische Gartenbaukunst wirkte, als sie mit den "ausgestickten" viktorianischen Rabatten aufräumte. In East Lambrook Manor trieb um 1940 unter den Händen von Margery Fish der moderne Cottage Garden die ersten Blüten. Zu den zwanzig porträtierten Gärten und Gärtnerinnen gehören auch ein Betrieb für Schnittblumen, die Schrott integrierende Anlage eines Gartenarchitekten mit Punk-Rock-Vergangenheit, der Garten des American Museum, ein paradiesischer Nutzgarten und der Hotelgarten The Newt, der einmal ein Farbenrausch namens Hadspen Garden war, ehe er unter die Designer fiel, denen ganz geheimnislos Formschnitt, Steine und sehr rote Salvien am Herzen liegen.
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"Die geheimen Gärten von Somerset - ein exklusiver Rundgang" von Abigail Willis (Text) und Clive Boursnell (Fotos). Aus dem Englischen von Anke Albrecht. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2021, 144 Seiten, zahlreiche Farbfotografien. Gebunden
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