
Besprechung vom 11.10.2025
Wie eine Militärdiktatur entsteht
Alaa al-Aswani blickt ins Alexandria der Sechzigerjahre zurück und zeigt Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf.
Von Lena Bopp
Von Lena Bopp
Alaa al-Aswani ist ein Schriftsteller, dessen Bücher beim Leser oft den Eindruck hinterlassen, man habe etwas verstanden von den komplexen, widersprüchlichen und mächtigen Unterströmen, die eine Gesellschaft wie die seines Heimatlandes Ägypten in Bewegung halten. Im "Jakubijan-Bau", der vor fast zwanzig Jahren in deutscher Übersetzung erschien, zeichnete er ein Gemälde der verdorbenen Sitten seines Landes am Beispiel eines zehnstöckigen Gebäudes in Kairo, dessen Bewohner zugleich Mikrokosmos und Spiegel der Zustände unter der Herrschaft von Husni Mubarak bildeten. In "Die Republik der Träumer" (2021) betrachtete er die revolutionären Umstürze auf dem Tahrir-Platz in Kairo wieder aus den wechselnden Perspektiven einer Vielzahl von Figuren, deren persönliche Schicksale sich mit dem politischen Scheitern des Arabischen Frühlings verbanden.
In seinem neuen Roman kehrt er seiner Heimatstadt Kairo den Rücken und wendet sich Alexandria zu. "Die Bäume streifen durch Alexandria" spielt in den Sechzigerjahren, aber natürlich weist das Epochen-Ende, das der Roman evoziert, Parallelen zur jüngeren Vergangenheit auf. Abermals sind die Ereignisse aus der Sicht von mehreren Figuren beschrieben, die ein auktorialer Erzähler routiniert erst ins Geschehen ein- und bald in den Untergang führt. Fast alle Figuren sind miteinander befreundet, manche auch verliebt, sie alle vertrauen einander, sind loyal und solidarisch, selbst dann noch, als sich die Schlinge um einige von ihnen zuzieht.
Jeden Abend treffen sie sich im "Artinos", sobald das Restaurant seine Türen für gewöhnliche Gäste schließt. Ihr "Caucus" ist ein in mehrfacher Hinsicht exklusiver Kreis: gebildet, betucht und gerne betrunken pflegen die Freunde eine Art von Konversation, die dem kosmopolitischen Erbe der Stadt verpflichtet ist, das zu ehren ihnen allen ein weit größeres Bedürfnis ist, als sie zunächst ahnen.
Wie oft bei Alaa al-Aswani sind seine Figuren mit höchst individuellen, hinreichend verkorksten familiären Hintergründen, mit psychologischen Zwängen und emotionalen Bedürfnissen versehen, die ihr Handeln bestimmen. Carlo Sabatini beispielsweise, Barkeeper im "Artinos", der den Freunden allabendlich ihre Drinks mixt, ist ein Frauenheld, der seine stets verheirateten Geliebten immer dann fallen lässt, wenn sie beginnen, ihre Ehemänner nicht nur zu betrügen, sondern den Betrug auch zu vertuschen. Sein Lebensthema ist der Verrat. Anis as-Sayrafi ist Künstler, Zeichenlehrer und Haschischraucher, der nicht zufällig als Einziger in der Ich-Perspektive in Form von tagebuchartigen Aufzeichnungen auf die Ereignisse blickt, ist er doch der Erste, der bei seinen täglichen Gängen durch die Stadt erspürt, wie sich selbige verändert. "Die Schlacht in Alexandria tobte schon immer zwischen Schönheit und Hässlichem, zwischen Kultur und Barbarei. Und lange Zeit hat Alexandria sich behaupten können dank seines kulturellen Erbes, doch jetzt ist es besiegt und muss kapitulieren."
Wie stets bei Alaa al-Aswani bilden seine Figuren aber auch eine Typologie, die dem Autor aufzuzeigen erlaubt, welches Schicksal der Lauf der Geschichte diesem und jenem gesellschaftlichen Milieu vorbehält. Tony Sabatini etwa darf als Vertreter eines kapitalistischen Unternehmertums gelten, ein Selfmademan mit dem Herz am rechten Fleck, der gegen den Willen seines Vaters eine letztlich sehr erfolgreiche Schokoladenfabrik in Alexandria gründete, die den Ägyptern die erste im Land hergestellte weiße Schokolade beschert. Galil al-Qoussi, Buchhalter in dieser Fabrik, tritt derweil aus aufrichtiger Überzeugung erst der Sozialistischen Arabischen Union bei und dann einer Geheimgesellschaft innerhalb dieser Union, bevor er sich zum Wächter der Revolution machen lässt, dessen Aufgabe es ist, Andersdenkende zu denunzieren. Sein Bruder Abbas al-Qoussi wiederum verteidigt diese Andersdenkenden: als Rechtsanwalt, dessen Versuche, die Menschen mit Recht und Gesetz zu schützen, immer hilfloser wirken, je größer die Chuzpe wird, mit der die Adepten der aufziehenden Militärdiktatur ebendieses Recht mit Füßen treten.
Bis diese Diktatur (wie die meisten anderen) den Zenit ihrer Willkürherrschaft erreicht, ist es ein schleichender Prozess - und um ihn geht es Alaa al-Aswani. Sein Roman begleitet die Freunde des "Caucus" in jenen hier 1964 beginnenden Jahren, in denen die mit der Präsidentschaft von Gamal Abdel Nasser verbundene Aufbruchstimmung versiegt, die aus sozialistischen Idealen sich nährenden Hoffnungen auf Gerechtigkeit und Gleichheit verfliegen und an ihrer Statt Angst und Misstrauen um sich greifen. Es beginnt vermeintlich harmlos mit einem an der Wohnungstür der französischen Buchhändlerin Chantal angebrachten Plakat des Präsidenten Nasser - ein Gesinnungstest. Die Repression setzt sich fort mit freundlich vorgetragenen Hilfsangeboten, die Anwerbungsversuche sind; sie festigt sich mit immer unverhohleneren Drohungen, mit Erpressung und Gewalt. Und nun?
Nur einzelnen Figuren bei Alaa al-Aswani ist die Fähigkeit zum Widerstand gegeben. Zwar wälzen nur wenige die Verantwortung so konsequent von vornherein ab wie Noha, die Ehefrau des Rechtsanwalts: "Gehorsam der Macht gegenüber ist dem ägyptischen Volk eine zweite Natur." Viele aber ziehen sich ins innere Exil zurück. Andere verlassen das Land. Ein Einziger, naheliegenderweise der, der sich sein Leben lang mit dem Verrat beschäftigte, bietet den neuen Machthabern offen die Stirn. Alaa al-Aswani untergräbt das Diktum, wonach ein jeder stets eine Wahl habe, äußerst geschickt: Seine Figurenzeichnung offenbart, warum es eben nicht jedem freisteht, sich zu entscheiden.
Da mag man verschmerzen, dass die Vielzahl der Figuren auf stilistischer Ebene keine rechte Entsprechung findet - ihre Stimmen klingen doch sehr ähnlich. Auch wirkt der Aufbau der Erzählung mit je einzelnen Figuren gewidmeten Kapiteln, mit regelmäßigen Rückblenden und Dialogen, die politische Hintergründe allzu offensichtlich ausformulieren, zuweilen konventionell. Aber sei's drum. Alaa al-Aswani ist es trotzdem gelungen, das literarische Panorama einer Gesellschaft zu zeichnen, die sich historischen Umwälzungen ausgesetzt sieht, deren Ausmaße die Möglichkeiten des Einzelnen eigentlich übersteigen. Ein Roman aus Ägypten. Aber längst nicht nur.
Alaa al-Aswani: "Die Bäume streifen durch Alexandria". Roman.
Aus dem Arabischen von Markus Lemke. Hanser Verlag, München 2025. 444 S., geb.
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