
Besprechung vom 29.11.2025
Gefällt euch etwa euer Sklavendasein?
Vor einem Dreivierteljahrhundert entwarf Aldous Huxley das Bild einer Welt, die von Techoligarchen beherrscht wird, und setzte seine Hoffnung auf Dezentralisierung. Nun liegt sein Essay auch auf Deutsch vor.
Von Oliver Weber
Diktatur, Tyrannei, Feudalismus - mit wachsendem Krisenbewusstsein mehren sich in der Öffentlichkeit Europas und Amerikas auch die Rückgriffe auf das klassische politische Vokabular. Begriffe wie diese werden aufgerufen, nicht als neutrale Beschreibungskategorien, sondern als Gegenbegriffe zu der bis noch vor einigen Jahren für unbesiegbar gehaltenen "liberalen Demokratie" - als Warnung davor, was an ihre Stelle treten könnte, oder, in Washington D.C., vielleicht schon an ihre Stelle tritt.
Dazu gehört auch die Rede von der Wiederkehr der Oligarchie. Als sich bei der Amtseinführung Donald Trumps ein Großteil der amerikanischen Techmilliardäre versammelte, um dem neuen Präsidenten Loyalität zu signalisieren, als schließlich einer von ihnen, Elon Musk, sogar vorübergehend zum Mitregenten aufstieg, schien es naheliegend, diese Verschmelzung von politischem und ökonomischem Kapital mit jenem alteuropäischen Begriff zu belegen, der traditionellerweise für die Herrschaft der Wenigen, meist der reichen Wenigen, steht. Hier kulminierte, was schon seit Langem als Malaise der amerikanischen Republik beschrieben wurde: die Tendenz zur Parteiaristokratie, die Abhängigkeit der Politik von großen Wahlkampfspendern, die Oligopolisierung im Banken-und Techsektor, die enorme soziale Ungleichheit. Zuletzt hatten Politische Theoretiker wie der in Chicago lehrende John McCormick diesen Eindruck auch ideengeschichtlich zu bestätigen versucht: Wer sich unter den Gesetzen des heutigen politischen Lebens zurechtfinden will, der müsse zu Machiavellis alter republikanischer Lehre vom Kampf der Vielen gegen die Wenigen greifen.
Nun erscheint mit "Zeit der Oligarchen" ein Essay, das man - übersähe man die Autorenzeile - für einen Beitrag zu dieser Debatte halten könnte. Auch hier geht es um "Machtkonzentration" und "Unterwerfung der Vielen unter die Wenigen", um viel zu einflussreiche Wirtschaftsbosse und die dank fortgeschrittener Technik immer leichter werdende zentrale Steuerung der Massen mittels Medien, Überwachung und Konsum. Doch der Autor dieser Warnung ist der längst verstorbene Schriftsteller Aldous Huxley - und er veröffentlichte diese Warnung bereits ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter dem Titel "Science, Liberty and Peace. A thoughtful analysis of the individual today and his future in the world".
Huxley, die Veröffentlichung seines berühmtesten Werks, die Dystopie "Brave New World", lag zu diesem Zeitpunkt bereits vierzehn Jahre zurück, hielt sich damals nicht mehr in Großbritannien auf, sondern schrieb in Los Angeles als gefragter Autor unter anderem Drehbücher für Hollywoodproduktionen. Daneben befasste er sich mit ästhetischen, wissenschaftlichen, spirituellen, philosophischen und politischen Fragen, die ihn seit seiner Jugend beschäftigten. Die Kapitulation der Wehrmacht war kaum ein Jahr her, die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten hatte gerade erst aufgehört zu laufen, und auch der Abwurf der Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki lag noch nicht lange zurück - man muss den Essay natürlich vor diesem Hintergrund lesen. Auch wenn der Verlag sich alle Mühe gibt, die Publikationshistorie im Kleingedruckten zu verstecken: Beinahe jeder von Huxleys Zeilen ist der Schrecken des totalitären Zeitalters anzumerken.
Und dennoch lässt sich in dem Buch etwas lernen, das über den historischen Kontext hinausweist und in der Lage ist, den gegenwärtigen Gebrauch des Oligarchiebegriffs zwar nicht infrage zu stellen, aber doch mit Historisch-Grundsätzlichem zu konfrontieren. Denn in "Zeit der Oligarchen" wird sichtbar, was die mit dem Begriff verbundene, noch der griechischen Antike entstammende Personifizierung der Herrschaft unter modernen Bedingungen verunklart. Nicht dass es nicht auch heute Oligarchen gäbe, die im Wirtschaftsleben, in der Öffentlichkeit und in der Politik außerordentlich großen Einfluss ausüben würden. Doch das Problem ist jetzt anders gelagert: Ausführlich beschreibt Huxley, dass die moderne Tendenz zur Oligarchie nur Effekt der modernen Tendenz zur Zentralisierung insgesamt ist.
Mit dem Aufkommen des zentralisierten Großbetriebs in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts begann eine Entwicklung, die in Richtung "Massenproduktion und -distribution" wies. Zunächst in der Landwirtschaft, wo "an die Stelle von Kleinbauern, die in erster Linie für den Eigenbedarf produzierten und erst in zweiter Linie für den Markt", Unternehmer getreten sind, "die in erster Linie für den Markt produzieren" und immer größere Flächen bewirtschaften. Dann in der Industrie, wo das traditionell betriebene Handwerk von Fabriken ersetzt wurde, in denen mehrere Hundert, bald mehrere Tausend, heute mehrere Millionen Menschen zusammenarbeiten. Grund war und ist in beiden Fällen nicht nur die größere Macht der größeren Kapitalien, sondern auch die schieren Skalenerträge und Effizienzvorteile einer arbeitsteiligen, standardisierten und technisierten Produktionsweise. Diese Entwicklung hat, wie Huxley anklagend, aber sachlich völlig zutreffend beschreibt, ein Großteil der Bürger enteignet. "Die Bündelung der Industriekapazitäten in Großfabriken führte dazu, dass sich weite Teile der Bevölkerung in Städten ballten und eine immer größere Zahl an Menschen von einigen wenigen privaten Kapitalisten abhängig wurde" - sie verloren ihre Scholle, ihren Zugang zur Allmende, ihre von der Zunft garantierte "standesgemäße Nahrung" und mussten sich ihren Lebensunterhalt nun bei anderen verdienen.
Das allseitige Abhängigwerden aller von allen ist eine Grundtendenz modernen Lebens. Was wir konsumieren, von Nahrung bis zum Kulturprodukt, was wir produzieren, von der Einwegflasche bis zum KI-Modell, ist das Ergebnis des Zusammenwirkens unzählbarer Kooperationsschritte, teilweise über ganze Kontinente hinweg. Doch diese allseitige Abhängigkeit ist keineswegs symmetrisch: "Wo, wie in der heutigen westlichen Welt, ein Großteil der Bürger nichts besitzt", da "sind persönliche Freiheiten und politische und bürgerliche Rechte in erheblichem Maße abhängig von der Gnade der kapitalistischen oder staatlichen Eigentümer und Direktoren der Produktions- und Distributionsmittel". Weil die Kooperation aller mit allen die Existenz großer Organisationen voraussetzt, die diese Kooperation steuern, und weil diese Organisationen wiederum im Regelfall hierarchisch strukturiert sind, bedeutet technischer Fortschritt, in Huxleys Zeit genauso wie in der unsrigen, beinahe automatisch Oligarchisierung. Die Zunahme der horizontalen Arbeitsteilung führt zur weiteren Hierarchisierung der vertikalen.
Das gilt nicht nur für die Privatwirtschaft, wo wenige Manager und noch viel weniger Anteilseigner über die Arbeit Tausender und den Konsum vieler Millionen Menschen entscheiden. Auch der Staat, wie Huxley immer wieder betont, neigt zur Oligarchie. Der zentralisierte Staatsapparat ist in modernen Nationalstaaten nur von einer kleinen Gruppe besetzt, gleichwohl außerordentlich mächtig. Das gilt noch mehr in den Fällen, in denen der Staat oder eine Partei versucht, die kapitalistische Oligarchie zu brechen, wie in der Sowjetunion: Dann wird eben der "Staat mit seinen Politikern und Beamten", wie Huxley schreibt, zum "einzigen nationalen Kapitalisten". Was die "Freiheit angeht, gibt es kaum einen Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Bossen".
Schlimmstenfalls, so kann man Huxley verstehen, endet die Moderne deswegen in einer Gesellschaftsformation wie sie in seiner Dystopie "Brave New World" beschrieben wird: Beherrscht von einem "Weltaufsichtsrat", der alles Leben, Arbeiten und Kommunizieren bestimmt - alle anderen passen sich an oder werden passend gemacht. Bestenfalls, so hofft er in "Zeit der Oligarchen", lernt die Menschheit, die Vorteile von Technik und Arbeitsteilung zu nutzen, ohne zentralisierte Großorganisationen zu schaffen, um so in eine Welt der "Selbständigen oder Genossenschaften mit freiem Zugang zu den Mitteln der Kleinproduktion" zurückzukehren. Man muss diese Utopie des großen Dystopikers nicht teilen, um sich mit den Problemen auseinanderzusetzen, die Huxley unter den Begriff der Oligarchie skizziert hat.
Aldous Huxley: "Zeit der Oligarchen". Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden.
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Hanser Verlag, München 2025.
96 S., geb.
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