Der Demiurg ist ein Zwitter
Eigentlich hatte ich vor, 'Die andere Seite' noch einmal in die Hand zu nehmen. Den Text auf mich wirken zu lassen, Erinnerungen aufzufrischen und danach etwas Vernünftiges darüber zu schreiben.Dann habe ich mich dagegen entschieden.Denn eine Rezension soll für mich ohnehin nicht die Handlung nacherzählen, und Spoiler möchte ich vermeiden. Also kann ich genauso gut über das schreiben, was nach einem Vierteljahrhundert noch da ist. Was geblieben ist, ohne dass ich nachschlagen muss. Vielleicht ist genau das das Wichtige.Kubin soll das Buch innerhalb kürzester Zeit, beinahe wie im Wahn, niedergeschrieben haben. So jedenfalls erzählte es mir damals meine Dozentin an der Universität.Und genau so erinnere ich mich daran.Wie an einen niedergeschriebenen Wahn.Expressionistisch. Klamm in seiner Atmosphäre. Nicht beklemmend - klamm. Das ist ein Unterschied. Wie feuchte Kleidung tragen.Musikalisch durchaus, und dennoch überall Kakophonien. Geräusche, Bilder, Eindrücke, die sich übereinanderschieben. Wirklichkeit - was ist das überhaupt? Nichts ist. Nichts bleibt.Der Demiurg ist ein Zwitter.Bilder von Baphomet sind mir geblieben. Ein Abgesang oder ein Neuanfang, vielleicht beides gleichzeitig. Chaos auf Papier, das sich nicht wie beliebiges Chaos anfühlt, sondern wie eine Welt, deren Ordnung gerade vor den eigenen Augen zerfällt.Wenn ich heute an 'Die andere Seite' denke, denke ich an Musik, die aus geöffneten Türen auf seltsam leere Straßen quillt. An Passanten, die darübergehen und lange, bedrohliche Schatten hinterlassen. An Häuser, hinter deren Fenstern etwas sein könnte oder auch nicht. An eine Wirklichkeit, bei der man sich irgendwann nicht mehr sicher ist, ob sie gerade zerfällt oder ob sie von Anfang an nie besonders wirklich gewesen ist.Mehr weiß ich nach einem Vierteljahrhundert gar nicht mehr.Aber das weiß ich noch.Und vielleicht ist das nach fünfundzwanzig Jahren das größere Kompliment als jede genaue Erinnerung an Handlung, Figuren oder einzelne Szenen.Ein ganz klares Geschmackserlebnis der besonderen Art.Wenn Asphalt die vorherrschende Note wird.