Geteiltes Haus von Alice Horáková hat mich eingefangen und mitgezogen. Die ersten Seiten waren etwas schleppend, doch je weiter sich die Geschichte entwickelte, desto packender und interessanter wurde sie. Die Vielzahl an Charakteren sorgte für Abwechslung und manchmal auch für Verwechslung, aber sie sorgte auch für ein reges Treiben in der Geschichte und somit für einen stetigen Fluss und ein angenehmes Tempo. Wer den Überblick verloren hat, kann am Ende des Buches eine Übersicht über die Dorfbewohner finden.
Im Mittelpunkt stehen Zdenka und Anežka, zwei Mädchen (später Frauen), die eng miteinander verbunden sind, obwohl sie nicht unterschiedlicher sein könnten. Die eine ist tschechischer, die andere deutscher Herkunft. Trotzdem verbindet die beiden eine Freundschaft, die selbst durch die Männer, den Krieg, politische Veränderungen und persönliche Verluste nicht zerbricht.
Zdenka empfand ich als den stärkeren Charakter. Sie ist eigensinnig, stark und trotzdem schwankte sie ab und zu und war verletzlich. Sie hatte Ecken und Kanten, mit denen sie immer wieder aneckte und manchmal auch sich selbst damit den Weg versperrte. Ihre Freundin Anežka war eher die angepasste Person. Bei ihr konnte man gut sehen, was es heißt, sich seiner Herkunft unterzuordnen und wie sehr gesellschaftliche Erwartungen einen Menschen prägen können.
Alle Charaktere (auch die beiden Frauen) haben Sonnen- wie Schattenseiten. Keine Figur in diesem Roman ist nur gut oder böse. Die Autorin zeichnet ein realistisches Bild von den Dorfbewohnern und sie zeigt gut auf, was politische Veränderungen auslösen können. Wie sich Menschen wandeln, um durch die Krisenzeiten zu kommen. Sie werden Mitläufer, Täter, Profiteure oder Widerständler. Aus Freunden oder Nachbarn werden Gegner. Selbst Familien zerbrechen an der Politik, denn was bisher gut funktioniert hat (zwei Nationen in einer Familie), sorgt nun für Streitereien und Zerwürfnisse, Wut und Verrat. Die Konsequenzen für ihr Handeln werden sie noch Jahre später spüren.
Die Autorin lässt ihre Dorfbewohner durch schwere Zeiten gehen. Sie zeigt auf, welche Auswirkungen der Erste und Zweite Weltkrieg sowie der Nationalismus haben. Die Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen und die Veränderungen im Sudetenland werden durch die Geschichte der Menschen sichtbar und greifbar.
Für mich war es eine beeindruckende, atmosphärische und sehr menschliche Familiengeschichte, die mir einen anderen Blick auf das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Tschechen im Grenzgebiet gegeben hat.