Dieser Bildband aus dem Taschen Verlag begeistert absolut. Zumindest all diejenigen, die sich für die USA der 30er Jahre, für Grafikdesign oder Kulturgeschichte interessieren. Alle mit diesen Interessensgebieten kommen voll auf ihre Kosten.
Es ist eine Zeitreise in die visuelle DNA der Großen Depression.
Der Taschen Verlag hat mit seiner opulenten Reihe All-American Ads ein großartiges Archiv der amerikanischen Werbegeschichte geschaffen. Der spezielle Band zu den 1930er Jahren ist weit mehr als nur ein Bildband; er ist ein kulturhistorisches Dokument, Ranges, ein faszinierendes und zugleich ambivalentes Porträt einer Ära zwischen Weltwirtschaftskrise und aufkeimendem Modernisierungsoptimismus.
Auf über 600 Seiten versammelt das Buch in großem Folioformat (ca. 25 x 34 cm) nahezu 500 Werbeanzeigen aus US-amerikanischen Magazinen wie "The Saturday Evening Post", "Life", "Vogue" oder "Esquire". Die Reproduktionen sind, typisch für Taschen, von hervorragender Qualität. Die Farben leuchten, das Papier ist hochwertig, und selbst die feinen Rasterpunkte des damaligen Druckverfahrens sind sichtbar, was dem Betrachter das authentische Gefühl vermittelt, durch alte Zeitschriften zu blättern.
Die Botschaften der Krise: Träume und Realität
Die 1930er Jahre, geprägt von Börsencrash, Massenarbeitslosigkeit und Dust Bowl, waren eine Zeit der Extreme. Dies spiegelt sich eindrücklich in der Werbung wider. Auf der einen Seite finden sich die tröstenden Versprechen: Zigaretten als Symbol für Ruhe und Geselligkeit (Lucky Strike), Kaffee als wärmendes Ritual in unsicheren Zeiten, oder die Sehnsucht nach exotischer Ferne, verkörpert durch Kreuzfahrtlinien ein unerreichbarer Traum für die meisten. Besonders auffällig ist der massive Fokus auf Körperpflege, frischen Atem und weiße Zähne. In einer Zeit, in der der soziale Abstieg allgegenwärtig war, verkauften Produkte wie Seife oder Mundwasser nicht nur Sauberkeit, sondern das Versprechen von Selbstwert, Anstand und sozialer Akzeptanz (Oft ein Hindernis für den Erfolg steht unter einer Anzeige für Listerine).
Design und Ästhetik: Vom Art Déco zum Streamline
Künstlerisch ist das Buch ein Hochgenuss. Die Ära des Art Déco mit ihren eleganten Linien, geometrischen Mustern und luxuriösen Goldtönen (vor allem in Mode- und Luxusanzeigen) trifft auf den aufkommenden Streamline-Stil. Dieser von Industriedesignern wie Raymond Loewy geprägte Look überzog alles mit aerodynamischen, glatten Formen von Autos über Kühlschränke bis hin zu Toastern. Diese Ästhetik verkörperte Fortschritt, Geschwindigkeit und eine bessere, "reibungslose" Zukunft. Die Illustrationen sind meisterhaft, oft von bekannten Künstlern der Zeit geschaffen. Die Fotografie gewinnt zunehmend an Bedeutung und wirkt mit ihren inszenierten, idealisierten Alltagsszenen (die perfekte Familie am Frühstückstisch) bereits wie Vorboten der 50er Jahre.
Die Schattenseiten des Amerikanischen Traums
Ein heutiger Betrachter wird jedoch auch unweigerlich mit den damals nicht hinterfragten Normen konfrontiert. Die Werbung der 30er Jahre ist eine Welt der klaren Rollenbilder: Die Frau ist meist Hausfrau, verführerische "Femme fatale*" oder schmückendes Accessoire. Männer sind Ernährer, Abenteurer oder seriöse Geschäftsleute. Rassistische Klischees, insbesondere in der Werbung für Haushaltsprodukte oder Lebensmittel, sind präsent und dokumentieren ein stereotypes, koloniales Denken. Diese Aspekte machen das Buch auch zu einer wichtigen Quelle für die kritische Auseinandersetzung mit der Populärkultur.
Fazit: Mehr als nur Nostalgie
"All-American Ads 30s" ist ein großartiges Kompendium. Es bietet Designern eine Fundgrube an Inspiration, Historikern eine visuelle Primärquelle und jedem kulturinteressierten Leser ein fesselndes Schaulese-Erlebnis. Der begleitende Essay von David Crowley gibt einen guten kontextuellen Rahmen, doch die eigentliche Erzählung findet auf den Seiten selbst statt.
Man legt dieses Buch mit einem zwiespältigen Gefühl aus der Hand: Fasziniert von der künstlerischen Brillanz und dem unbändigen Optimismus, der selbst in der tiefsten Krise noch Produkte für ein besseres Leben bewirbt. Und nachdenklich angesichts der naiven, oft aus heutiger Sicht befremdlichen oder gar verletzenden Botschaften. Genau diese Spannung macht es zu einer lohnenden Lektüre. Es ist keine reine Verherrlichung des "guten alten Designs, sondern eine ungeschminkte, visuelle Zeitkapsel, die den American Dream in all seinen verlockenden und illusorischen Facetten zeigt.
Das Buch ist absolut empfehlenswert für Grafikdesigner, Illustratoren, Marketing-Experten, Kultur- und Sozialhistoriker des 20. Jahrhunderts sowie für alle Sammler von Vintage-Ästhetik. Wer ein oberflächliches Nostalgie-Buch sucht, ist hier vielleicht falsch; wer jedoch bereit ist, in die komplexe, widersprüchliche und visuell atemberaubende Welt der 1930er Jahre einzutauchen, wird mit diesem Werk reich belohnt. Ein Standardwerk für jede Bibliothek zum Thema Design- und Alltagsgeschichte.
Für jeden, der im Bereich Grafik, Marketing oder Design arbeitet, ist das Buch eine wahre Goldgrube für klassische Typografie und Illustrationen.
Zugleich ist es ein wunderschönes Coffee Table Book, das nicht nur dekorativ aussieht, sondern in das man immer wieder gerne reinschaut. Es ist jeden Cent wert und auch ein tolles Geschenk für Retro-Fans.