Die Zukunft fragt nicht danach, ob wir bereit sind. Sie kommt einfach. Mit diesem Satz eröffnet Andrea Lehwald ihr Buch Recruiting mit KI und trifft damit den Nerv einer Branche, die sich noch immer fragt, ob und wann KI ihr Arbeitsgebiet verändert. Die Antwort ist längst gegeben: Sie hat es bereits.
Lehwald ist geschäftsführende Gesellschafterin der Personaldienstleistungsgruppe MedYourJob und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Recruiting, Digitalisierung und der Anwendung von KI im Personalmanagement. Sie schreibt für alle, die in Unternehmen Verantwortung dafür tragen, welche Talente gesucht und welche Positionen besetzt werden, heute und in Zukunft.
Was das Buch bietet und wo es zögert
Das erste Kapitel holt die Lesenden dort ab, wo viele stehen: Es erklärt grundlegende Begriffe und skizziert, welche Möglichkeiten KI im Recruiting und im Personalmanagement eröffnet. Wer noch nie mit Predictive Analytics oder automatisierter Kandidatenvorauswahl zu tun hatte, findet hier einen soliden Einstieg.
An einer Stelle bleibt die Einführung allerdings etwas dünn. Das altbekannte Problem, dass Personalsuche teuer und ineffizient ist, streift Lehwald nur kurz. Eine Zustandsbeschreibung, die so ähnlich auch in Büchern über digitale Stellenbörsen oder Applicant-Tracking-Systeme hätte stehen können. Ein schärferer Kontrast zwischen der Vor-KI-Ära und den heutigen Möglichkeiten hätte hier mehr Überzeugungskraft entfaltet.
Erfreulich dagegen: Schon in dieser frühen Phase des Buches benennt Lehwald die Risiken von KI, etwa systemische Diskriminierung und mangelnde Transparenz. An dieser Stelle wäre allerdings ein Hinweis hilfreich gewesen, wie sich KI-Systeme trainieren lassen, um solche Verzerrungen von vornherein zu vermeiden. Das Buch bleibt die Antwort zunächst schuldig.
Überraschende Lösungen jenseits des Offensichtlichen
Ab dem zweiten Kapitel wird es konkreter. Lehwald vertieft die Einsatzmöglichkeiten, wie sie sich aktuell darstellen, und bettet sie in einen Ausblick ein: Die Entwicklung ist noch längst nicht am Ende. Der Wettbewerb um Talente ist härter denn je, und Bewerberinnen und Bewerber erwarten heute eine individuelle, transparente Candidate Experience. Künstliche Intelligenz eröffnet HR-Abteilungen und Führungskräften neue Chancen, genau diesen Spagat zu meistern.
Neben naheliegenden Anwendungen wie automatisierter Kandidatensuche und Chatbots in der Bewerbungskommunikation präsentiert Lehwald auch überraschende Lösungen: Wie lässt sich Bewerbenden durch KI eine wirklich personalisierte Erfahrung mit dem Unternehmen bieten? Und wie erkennen Predictive-Analytics-Systeme anhand von Leistungsdaten frühzeitig, welche Mitarbeitenden unzufrieden werden, damit Führungskräfte proaktiv das Gespräch suchen können?
Diese Beispiele zeigen: KI im Recruiting bedeutet weit mehr als das automatische Aussortieren von Lebensläufen. Es geht um eine neue Art, mit Menschen in Kontakt zu treten und zu bleiben.
Ethik: Kein Feigenblatt, sondern Leitfaden
Stark ist das Buch dort, wo es Ethik nicht als Pflichtkapitel abhandelt, sondern als zentrales Thema ernst nimmt. In einem eigenen Kapitel greift sie die ethische Dimension ausführlich auf, benennt Risiken klar und liefert konkrete Empfehlungen für Tools, die Fairness und ethische Standards sozusagen eingebaut haben. Damit bleibt das Thema nicht bei der Mahnung stehen, sondern wird handlungsleitend.
Techniktiefe ohne Überwältigung
Wer befürchtet, sich durch seitenlange Algorithmuserklärungen kämpfen zu müssen, kann beruhigt sein. Lehwald findet konsequent die richtige Balance: Sie taucht so tief in die Technik ein, wie es jeweils nötig ist, und nicht tiefer. Mit praxisnahen Anleitungen und konkreten Fallstudien bleiben abstrakte Konzepte greifbar, ohne vereinfacht zu werden.
Management-Journal-Fazit: Recruiting mit KI ist ein kompaktes, klar geschriebenes Buch, das einen praxisnahen Überblick über den Stand und die Möglichkeiten von KI im Personalbereich gibt. Seine Stärken liegen in der konkreten Handlungsorientierung und dem ernsthaften, lösungsorientierten Umgang mit Ethik. Wer in HR und Recruiting Verantwortung trägt und verstehen will, was KI heute schon leistet und was sie leisten sollte, für den lohnt sich die Lektüre.